Tagungsbericht und Film: We seed the world. Biotechnologie und Welternährung. Ein Workshop für Studierende.

 

Den Film über die Veranstaltung auf youtube ansehen: Workshop "We seed the world"
Siehe auch den ausführlichen Tagungsbericht auf www.pflanzenforschung.de

Die Landwirtschaft der Zukunft soll umweltfreundlich sein, zum Klimaschutz beitragen und eine wachsende Weltbevölkerung ernähren. Gleichzeitig können die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen kaum noch ausgeweitet werden. Das alles ist ohne eine moderne Pflanzenforschung nicht zu leisten, die aber auch viele Fragen aufwirft. Darüber diskutierten Studierende aller Fachrichtungen auf dem Workshop „We seed the world“ vom 18. bis zum 20. Februar 2013. Dazu eingeladen hatten das Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften in München und die Evangelische Akademie Tutzing.


Auf dem Workshop wurde nicht über „die Gentechnik“ im luftleeren Raum diskutiert, vielmehr standen konkrete biotechnologische Szenarien im Mittelpunkt der Debatten. Ziel war es dabei, ein selbstständiges ethisches Gutachten zu moralisch relevanten Fragestellungen zu erarbeiten. Bevor die Studierenden in Gruppen diskutierten, gab es am ersten Tag Inputvorträge von Experten.

Stephan Schleissing über den Umgang mit ritualisierten Diskursen

Der Theologe und Geschäftsführer des Instituts Technik-Theologie-Naturwissenschaften (TTN) Dr. Stephan Schleissing kennzeichnete in seiner Einführung den Diskurs über grüne Biotechnologie in Deutschland als ritualisiert.

Ziel des TTN, das sich seit 15 Jahren mit dem Thema beschäftigt, sei es, diese Rituale zu durchbrechen und offen nach Gründen zu fragen, wo grüne Biotechnologien Probleme lösen können und wo sie neue schaffen. Ausdruck dieser Förderung der Dialogkultur ist nicht zuletzt das neue Webportal www.pflanzen-forschung-ethik.de, das während des gesamten Workshops als Quelle und Ausgangspunkt der Debatten diente.

Holger Jeske: Pflanzenkrankheiten in der Landwirtschaft – das Beispiel einer GV-Bohne mit Virusresistenz

Der Professor für Molekularbiologie am Biologischen Institut in Stuttgart, Holger Jeske, sprach über Pflanzenkrankheiten in der Landwirtschaft und die Möglichkeiten der Gentechnik. Jeske betonte den immensen Schaden, den Pflanzenviren jedes Jahr anrichten. Klassische Züchtung wie Gentechnik befinden sich in einem kontinuierlichen unendlichen Wettlauf mit immer neuen Viren. Im Anschluss stellte Jeske einige der gentechnischen Verfahren genauer vor, insbesondere das der „transgenic crossprotection“ und das „Gene Silencing“. Bei letzterem nutzen die Pflanzenforscher einen Schutzmechanismus der Pflanze: Das  für die Vermehrung der Viren sorgende Rep-Protein wird ausgeschaltet und so der Virus inaktiviert.

Nicht die Technik entscheidet über Erfolg und Misserfolg, sondern das Ergebnis

Holger Jeske hielt fest, dass die neuen Technologien in der Pflanzenzucht Sicherheit bieten können, forderte aber zugleich, dass sie so eingesetzt werden müssen, dass sie den Betroffenen auch tatsächlich zugute kommen. Alles in allem sei nicht die Technik entscheidend über Erfolg und Misserfolg, sondern das Ergebnis. Resistenzzüchtung durch „Gene Silencing“ kam bei der im Workshop diskutierten brasilianischen Pintobohne zum Einsatz, bei der es große Ernteausfälle auf Grund des Golden Mosaic Virus gibt.

Regine Rehaag: Transgenes Saatgut in Brasilien

Regine Rehaag, Geschäftsführerin des KATALYSE – Institutes für angewandte Umweltforschung in Köln, sprach über die sozioökonomischen Auswirkungen des GVO-Anbaus in Brasilien, indem sie die TAB-Studie „Auswirkungen des Einsatzes transgenen Saatgutes auf die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen in Brasilien“ vorstellte.
Rehaag betonte, dass die auf der Zulassungsagenda stehenden transgenen Saatgutverfahren ausschließlich Entwicklungen multinationaler Unternehmen seien, deren gentechnische Veränderungen Eigenschaften betreffen, die den Ertrag optimieren, bspw. durch Resistenz gegenüber Pflanzenschutzmittel, und auf effizientere Herstellung von Cash Crops zielen. Einzige Ausnahme ist die im September 2011 zugelassene transgene Pinto-Bohne (Phaseolus vulgaris), die vollständig in Brasilien aus eigenen Mitteln vom Agrarforschungsinstitut EMBRAPA (Empresa Brasileira de Pequista Agropecuária) entwickelt worden ist.

Belastbare Daten zu sozioökonomischen Effekten fehlen

Die Zulassung der transgenen virusresistenten Bohne wurde allerdings als vorschnell kritisiert, der Rat für Ernährungssicherheit erhob schwere Vorwürfe wie den der Missachtung des Vorsorgeprinzips, der Gefährdung der Biodiversität und der Oligopolisierung des genetischen Erbes und dadurch den Verlust an Autonomie. Grundsätzlich wies Rehaag darauf hin, dass die Datenlage zu sozioökonomischen Effekten in allen vier im TA-Projekt untersuchten Ländern (Brasilien, Chile, China und Costa Rica) äußerst schwach ist und dass eine Grundlage für die Bewertung betriebs- und volkswirtschaftlicher Effekte fehlt.

Peter Beyer: Anreicherung von Nährstoffen in Grundnahrungspflanzen

Peter Beyer, Professor am Institut für Biologie in Freiburg, stellte den von ihm mitentwickelten „Golden Rice“ vor, der im Gegensatz zum ‚normalen’ Reis Betacarotin akkumulieren kann. Dieser gilt allgemein als sicher, denn man kann Provitamin A, das erst der Körper in Vitamin A umwandelt, wenn er es braucht, nicht überdosieren.

Beyer sprach über den seit den 70er Jahren bekannten „Hidden Hunger“,  einen Vitamin- und Nährstoffmangel, der zu schweren Krankheiten bis hin zum Tod führen kann und dadurch verursacht wird, dass arme Menschen häufig nur nährstoffarme Grundnahrungsmittel wie Reis, Kartoffeln und Cassava zu sich nehmen, aber kaum vergleichsweise teure Pflanzen, Fisch und Fleisch. Das Problem des Hidden Hunger zu bekämpfen ist 1990 als „Millenium Goal“ von 189 Staaten anerkannt und 2012 im Copenhagen Consensus als erstes von „16 investments worthy of investment“ genannt worden. Der Lösungsansatz der Erfinder des „Golden Rice“ ist der der Biofortifizierung, wobei Nutzpflanzen mittels ihrer eigenen biosynthetischen oder physiologischen Möglichkeiten mit Vitaminen bzw. Nährstoffen angereichert werden.

"Breeding where possible - genetic modification where necessary"

Seine Überzeugung hinsichtlich Gentechnik vs. klassischer Züchtung brachte Beyer auf die kurze Formel: „Breeding where possible genetic modification where necessary”. Golden Rice ist nicht klassisch züchtbar, sondern erfordert den Einsatz von DNA Rekombinationstechnik, die Peter Beyer eingehend erklärte. Das Prinzip des Golden Rice ist dabei auf alle Feldfrüchte übertragbar, Möglichkeiten und Grenzen einer Anwendung auf Cassava, Kartoffeln, Kochbananen und Sorghum (Hirse) wurden vorgestellt.

Marc Dusseldorp: Welchen Beitrag kann die Forschung zur Welternährung leisten?

Der Diplomgeoökologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am ITAS, Marc Dusseldorp, stellte den TAB-Bericht des von Juli 2009 bis Februar 2011 durchgeführten TA-Projektes „Welchen Beitrag kann die Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems leisten?“ vor.

Dem Thema Welternährung näherte sich das TAB aus drei Perspektiven, nämlich der Menge, des Zugangs und des Ernährungsverhalten. Als Ergebnisse des Forschungsprojektes stellte Dusseldorp zum Einen mögliche Schwerpunktsetzungen für zukünftige Forschung vor, darunter fielen: Produktions- und verbrauchsseitige Themenfelder gleichermaßen zu berücksichtigen, Produktivitätssteigerung, d.h. den Zugang zu Nahrung und den Ressourcenschutz in den Mittelpunkt zu stellen, sowie die Forschung zum globalen Ernährungsverhalten auszubauen. Zum Anderen ging er auf forschungspolitische Handlungsoptionen ein, insbesondere darauf, bessere Bedingungen für partizipative Forschung zu schaffen.

Partizipative Agrarforschung als Zukunftsmodell

Die bisherige Agrarforschungsorganisation, das „Technologie-Transfer-Modell“, kritisierte Dusseldorp als zu stark an einem linearen Modell von Innovationsprozessen orientiert und für die kleinbäuerliche Landwirtschaft auf Grund ihrer Produktionsweise prinzipiell ungeeignet. Damit sich die Forschung künftig besser an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientiert und praxisrelevanter wird, soll sie zu partizipativer Agrarforschung umgestaltet werden, die als institutionalisierte Interaktion von Forschern und Landwirten sowie gegebenenfalls weiteren Stakeholdern unterschiedliche Wissenssysteme (wissenschaftliches und lokales Wissen) integriert.

Stephan Schleissing: Grüne Biotechnlogie im Fokus der Ethik. Eine Einführung

Dr. Stephan Schleissing leitete schließlich zur ethischen Perspektive über: Als angewandte Ethik sei Ethik immer auf eine empirische Grundlage angewiesen und leiste im Idealfall das Bewusstwerden der unvermeidlich hereinspielenden subjektiven Perspektive.

Im ersten Teil seines Vortrags warf er die grundsätzliche  Frage auf: Was heißt Fortschritt auf den Gebieten von Pflanzenforschung und Landwirtschaft? In Frage stellte er dabei, ob wir es heute mit den Folgen eines aufgehaltenen Fortschritts zu tun haben, und ob wir zu wenig in moderne Technologien investieren, um unsere Probleme zu lösen oder ob wir es stärker mit den Folgen des stattfindenden Fortschritts zu tun haben. Ist Biotechnologie eine Lösung für Ernährungs- Klima- und Nachhaltigkeitsfragen? Wie wir mit der prinzipiellen Unvollständigkeit wissenschaftlichen Wissens umgehen sollten und wann wir genug wissen, um sicher zu sein, was wir wollen, wurden als zentral behandelt.

Grüne Gentechnik als „Glaubensstreit“?

Stephan Schleissing kennzeichnete die Auseinandersetzungen um die Grüne Gentechnik als „Glaubensstreit“ und unterschied in diesem Zusammenhang den Wertkonflikt um Natur als Landwirtschaft und als Landschaft, d.h. als Sehnsuchtsort des Lebendigen, dessen Verletzung zu einer Thematisierung fundamentaler Werte führe, von dem Wissenskonflikt in der Öffentlichkeit, in dem sowohl Gegner als auch Befürworter der Grünen Gentechnik auf Wissenschaft fokussiert seien. Problematisch sei v.a., wie sich Interessens-, Wissens- und Wertkonflikt zueinander verhalten: Wir befänden uns in der paradoxen Situation eines Glaubensstreites um das „richtige“ Wissen.

Christian Dürnberger: Über Ethik und Rhetorik

Christian Dürnberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Philosophie München (im Rahmen des Forschungsverbundes ForPlanta) und am Institut TTN, sprach schließlich über den Zusammenhang von rhetorischem Geschick und ethischen Überlegungen. Zum Einen greifen ethische Auseinandersetzungen notwendigerweise auf Wort und Argument zurück, um in einer moralischen Streitfrage zu überzeugen. Ethik braucht daher stets auch Rhetorik. Zum Anderen klingt „Ethik“ und „Rhetorik“ nach einem Widerspruch: Der Ethik geht es um das „Richtige“, das „Unbedingte“. Rhetorik hingegen erinnert viele an „Manipulation“ und „sprachliche Tricks“.

Fehlerhaftes Argumentieren in hitzigen Debatten

In Tradition des aristotelischen Rhetorikbegriffs votierte Dürnberger für eine Unterscheidung zwischen einer alle Mittel einsetzenden „Überredung“ und einer fundierten „Überzeugung“: Wer überzeugen möchte, der mag auf rhetorische Kniffe wie das Wecken von Emotionen zurückgreifen, im Zentrum seiner Rede steht jedoch das schlüssige Argumentieren selbst. Da es dabei schwer fällt, ein „gutes Argument“ im Abstrakten zu beschreiben, sind Argumentationstheorien häufig Fehlertheorien. Im Anschluss stellte Dürnberger daher neun, gerade auch für die Debatte um Biotechnologie typische fehlerhafte Argumentationsfiguren vor: Von „Ad Hominem“ über „Sein-Sollen-Fehlschluss“ bis zum „Dammbruch-Argument“.

Eine ausführlichere Zusammenfassung des Vortrag von Christian Dürnberger ist im TTN-Blog nachzulesen: Ist besseres Argumentieren in der Gentechnikdebatte möglich?

Zwei konkrete Fragen – Auf dem Weg zu einem ethischen Gutachten

Im Anschluss an die Vorträge waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgefordert, angesichts zweier konkreter Szenarien ein begründetes ethisches Urteil zu erarbeiten. Im Fokus standen zwei gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, die derzeit mit öffentlichen Mitteln oder Stiftungsgeldern für lokale Märkte in Entwicklungs- und Schwellenländern entwickelt werden:

(1) Um Vitamin A-Mangel in Afrika zu bekämpfen, wird Cassava, eine Grundnahrungspflanze in vielen afrikanischen Ländern, gentechnisch so verändert, dass sie in ihren Wurzeln Provitamin A bildet. Diese Arbeiten finden an mehreren Forschungsinstituten in den USA, Europa und Afrika statt und werden von der „Gates Foundation“ finanziert.

Die zu bearbeitende Frage lautete: Soll in Deutschland in die Forschung zur gentechnischen Vitamanreicherung von Cassava für Nigeria investiert werden?

(2) In Brasilien hat das nationale Agrarforschungsinstitut EMBRAPA die Pintobohne, ein Grundnahrungsmittel der einheimischen Bevölkerung, gentechnisch so verändert, dass sie resistent ist gegen ein Virus, das in den letzten Jahren immer größere Ernteausfälle verursacht hat. Brasilien muss Bohnen importieren, um die Nachfrage im Land zu decken.

Die zu bearbeitende Frage lautete: Soll in Brasilien der Anbau von Bohnen mit gentechnisch herbeigeführter Virusresistenz durch die Regierung vorangetrieben werden?

Der „Debating Club“: Eine Pro- und Contra-Diskussion

Am Ende der Tagung wurde ein „Debating Club“ veranstaltet, sprich: Zu jeder Fragestellung wurde ein Pro- und ein Contra-Team festgelegt. In einem Streitgespräch mit Eröffnungsstatement, Diskussion und Schlussplädoyer durfte jedes Team seinen Standpunkt darlegen. Die Zuhörer stimmten schließlich ab, wer überzeugender argumentiert hatte.

Die Abstimmungen fielen ausgewogen aus. Wichtiger als die Prozentangaben zu den Ergebnissen war jedoch, ethisches Debattieren zu komplexen wie relevanten Fragestellungen der Gegenwart in vivo erfahrbar zu machen.

 

 

Tagungsbericht: Anja Pichl und Daniel Gregorowius