Brauchen wir neue ethische Kriterien für die Genom-Editierung? Friedemann Voigt antwortet Reiner Anselm

In einem TTN-Blogbeitrag widerspricht der Marburger Theologe Prof. Dr. Friedemann Voigt seinem Münchner Kollegen Prof. Dr. Reiner Anselm. Dieser hatte in der Ausgabe des TTN-Infos 2/2015 angesichts der neuen Verfahren der Genom-Editierung für eine Revision des ethischen TTN-Stufenmodells "Biomedizinische Eingriffe am Menschen" (2009) plädiert. Voigt hält die damalige Argumentation nach wie vor für geeignet, um den aktuellen Forschungsstand beim Thema genome editing in angemessener Weise ethisch kommentieren. Auch widerspricht er Anselm, dass durch die neuen gentechnischen Methoden die Unterscheidung zwischen Therapie und Enhancement nicht mehr aufrechterhalten werden könnte.

Anselms Beitrag geht auf einen Vortrag zurück, den dieser am 22. Juni 2015 auf der TTN-Mitgliederversammlung gehalten hat (Vgl. Anselm: Keimbahntherapie durch Gentechnik, 2015). Darin fordert er die Neubewertung und Überarbeitung der Erwägungen des Stufenmodells zur Keimbahntherapie. Den Grund dafür sieht Anselm aber nicht nur in der veränderter Forschungslage. Mehr noch seien die ethischen Kriterien der Bewertung der Keimbahntherapie im Stufenmodell unzulänglich. Die vom Stufenmodell vorgenommen Bewertung der Keimbahntherapie als derzeit unvertretbar müsse zu einem unbedingten Verbot verschärft werden. Sonst laufe man Gefahr, dass die neuen gentechnischen Methoden nicht nur zur Therapie von Krankheiten, sondern auch zu Verbesserung der genetischen Konstitution des Menschen eingesetzt werden.

Dieser Einschätzung widerspricht einer der Mitautoren des Stufenmodells von 2009. Prof. Dr. Friedemann Voigt, Inhaber des Lehrstuhls Sozialethik mit Schwerpunkt Bioethik an der Philipps-Universität Marburg. Erstens wird argumentiert, dass es im Bereich des Genome-Editing zwar eine fortgeschrittene Forschungslage gegenüber 2009 zu konstatieren ist. Der Eingriff in die Keimbahn zu therapeutischen Zwecken ist aber derzeit weder vom Stand der Forschung sinnvoll, noch durch die Rechtslage möglich. Die im Stufenmodell genannten Vorbehalte gegenüber einer Keimbahntherapie sind so differenziert argumentiert, dass sie auch für diesen gegenwärtigen Forschungsstand ausreichende Beurteilungsmaßstäbe zur Verfügung stellen, die eine eindeutige Ablehnung der Keimbahntherapie ergeben. Zweitens setzt sich der Beitrag mit Anselms These auseinander, das Stufenmodell bedürfe eines erweiterten Krankheitsbegriffs und des Einbezugs reproduktionsmedizinischer Aspekte. Dadurch werde dann auch die vom Stufenmodell vorgenommene Trennung von therapeutische Eingriffen und Eingriffen in verbessernder Absicht (Enhancement) in Frage gestellt. Dem wird entgegengehalten, dass der gegenwärtige Stand von Forschung und Rechtslage eine solche Revision des Krankheitsbegriffs für den im Stufenmodell relevanten Bereich der Gen- und Zelltherapie nicht plausibel machen. Vor allem aber wird die argumentative Kraft der Behauptung in Zweifel gezogen, die Keimbahntherapie führe zu einer unbegrenzbaren Ausweitung therapeutischer auf verbessernde Zwecke. Wenn diese Dammbruchargumente im Bereich der Keimbahntherapie anerkannt würden, hätte das nicht nur massive Folgen für die Bewertung anderer gen- und zelltherapeutischer Verfahren, sondern darüber hinaus etwa für die Bewertung der Präimplantationsdiagnostik. Auch wenn Anselms Beitrag nach Voigt durchaus bedenkenswerte Anstöße enthält, werde mit der von ihm geübten Kritik nicht eine punktuelle Veränderung des Stufenmodells angestrebt, sondern sein produktiver Kern tangiert. Gerade aber in der Vermeidung hypothetischer Szenarien, der Ablehnung von Slippery-Slope-Argumenten und der Zurückhaltung gegenüber apodiktischen Verboten ist die ethisch orientierende Überzeugungskraft des Stufenmodells begründet.