Zur Diskussion: Grüne Gentechnik – Wie rational kann man darüber reden?

Die Debatte um die Grüne Gentechnik kann mittlerweile mit einem Theaterstück verglichen werden, das zwar neu inszeniert wird, dessen Inhalt und Ablauf dabei aber jedem Kenner vertraut ist: Es sind die immer selben Argumente, die aufeinander treffen. Die Einen sehen in der Gentechnik ein Arsenal der Pflanzenzüchtung, das ob Klimawandel, den Zielen der Nachhaltigkeit und ob des Bevölkerungsanstiegs eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts sei. Die Anderen verdammen die nicht abschätzbaren Risiken für die menschliche oder tierische Gesundheit und/oder für Biodiversität und ganze Ökosysteme. Studie trifft auf Gegenstudie. Gemäßigte Stimmen werden von lautem Pro und Contra in den Hintergrund gedrängt. Und am Ende findet man sich in einer emotionalen Kontroverse wieder, die Zweifel aufkommen lässt, inwieweit es sich hierbei um eine Debatte innerhalb einer so genannten Wissensgesellschaft handelt – oder nicht doch eher um einen „Glaubenskrieg“. Im folgenden Blogbeitrag analysiert der Philosoph Christian Dürnberger die Gründe und Hintergründe, die diese Debatte prägen. Er plädiert dafür, die Potenziale zur Rationalisierung der Kontroverse nicht zu schnell für erschöpft zu halten. Dagegen argumentiert der evangelische Theologe Niklas Schleicher in seinem Blogbeitrag dafür, die Grenzen einer Rationalisierung in ethischen Konflikten anzuerkennen, weil moralische Orientierungen nicht nur Gründen, sondern eben auch Intuitionen und subjektiven Wahrnehmungen folgen. 


 
Wie rational kann man also über Techniken der Grünen Biotechnologie diskutieren? Exemplarisch kann auf die paradoxe Situation der so genannten „Biologischen Sicherheitsforschung“ verwiesen werden: Diese wurde seit 1987 von der Bundesregierung gefördert, mittlerweile als eigenständiges Programm aber eingestellt. Sie sollte untersuchen, inwieweit von gentechnisch veränderten Organismen Risiken ausgehen. Diese Forschung erfüllte also ein zentrales gesellschaftliches Bedürfnis: Sie prüfte konkret und auf Basis offengelegter, wissenschaftlicher Methoden einen entscheidenden Faktor der gesamten Debatte, nämlich inwieweit gentechnisch veränderte Organismen nun besonders gefährlich für Mensch und Umwelt sind – oder nicht. Ihre Ergebnisse wurden transparent und verständlich auf einer eigenen Website kommuniziert. Nun könnte man meinen, dass diese Art der Forschung genau das ist, wonach eine „Wissensgesellschaft“ in einer derartigen Streitfrage wie jener um die Grüne Gentechnik verlangt – aber die Erkenntnisse der Sicherheitsbewertung gentechnisch veränderter Pflanzen, so mein Eindruck, fanden nur geringen gesellschaftlichen Widerhall. Es ließe sich drastischer formulieren: Die öffentliche Debatte blendete die Ergebnisse nahezu vollständig aus. Gemeinhin wurden und werden die Risiken der Gentechnik als größer wahrgenommen als es die Ergebnisse der Biologischen Sicherheitsforschung nahelegen würden.

Was lässt sich aus einem solchen Befund ableiten? Mindestens zweierlei: (1) Zum einen zeigt sich, was soziologische und psychologische Studien zum Thema der Risikowahrnehmung seit einigen Jahren empirisch fundiert beschreiben: Wie sicher man sich fühlt bzw. was als wesentliches Risiko erkannt wird und was nicht, hängt keinesfalls nur von Zahlen, Daten und Fakten zur Wahrscheinlichkeit und zum Ausmaß eines etwaigen Schadens ab, vielmehr spielen dabei Werte, Leitbilder und nicht zuletzt die Frage nach dem Nutzen eine zentrale Rolle. Wenn beispielsweise der Nutzen einer Technik im Alltag präsent ist, werden etwaige Risiken lieber und schneller in Kauf genommen. (Als plakatives Beispiel kann die Debatte um „Wie gefährlich ist die Handystrahlung?“ genannt werden.) Der „Grünen Gentechnik“ ist es bislang nicht gelungen, ihren wesentlichen Nutzen für ein Land in Mitteleuropa wie Deutschland zu kommunizieren. (Ein zunehmender Problemdruck, etwa durch Ernteausfälle ob extremer Wetterereignisse, könnte hier die Debatte freilich verändern). (2) Zum anderen wird durch die Beschreibung der Situation der „Biologischen Sicherheitsforschung“ deutlich, dass die Kontroverse rund um die Grüne Gentechnik eben kein reiner Wissenskonflikt ist. Folgt man einem breiten Konsens der Konfliktforschung, lassen sich mindestens drei unterschiedliche Arten von Konflikten unterscheiden: Interessenskonflikte, bei denen divergierende Interessen aufeinandertreffen; Wissenskonflikte, bei denen darum gestritten wird, wer nun eigentlich wissenschaftlich gesehen richtig liegt; und Wertkonflikte, bei denen es um die Frage geht, welche Zielsetzungen anderen vorzuziehen sind.

Die Konfliktstruktur der Debatte

Mit Blick auf die Gentechnikdebatte ist zu attestieren: Sie ist ein Interessenskonflikt (beispielhaft: Konzerne, die Gentechnik vertreiben, haben andere Interessen als Organisationen, die mit gentechnikfreiem Anbau ihr Geld verdienen); ebenso ist sie ein Wissenskonflikt (auch wenn sich ein wissenschaftlicher Common sense abzeichnet, ist Wissenschaft per se ein ergebnisoffener Prozess, der die Frage erlaubt, ob man nicht doch etwas übersehen habe); und schließlich ist die Kontroverse mit Sicherheit auch ein Wertkonflikt, der Wertorientierungen und moralische Überzeugungen zum Thema macht: Haben Pflanzen und ihr Genom einen moralischen Eigenwert, den wir bei Eingriffen zu berücksichtigen haben? Welche Art der Landwirtschaft wünschen wir uns als Gesellschaft? Oder wie sind etwaige Zielkonflikte beispielsweise zwischen Einsparungspotentialen von Pestiziden und Gentechnikfreiheit abzuwägen?

Es zeigt sich, dass die Kontroverse verschiedene Argumentationsfelder beinhaltet, von den konkreten Risiken über die Situation von Landwirten beispielsweise in Indien über die Frage der Patentierung von Saatgut bis hin Vorstellungen einer „naturnahen“, wenig technisierten Landwirtschaft. Plakativ gefasst: Unter dem Dach der Kontroverse um grüne Biotechnologien wird über „Gott und die Welt“ gestritten. Oftmals pathetisch klingende Verweise auf die „Schöpfung“ sind hierbei ebenso zu vernehmen wie eher juristisch geprägte Kritik an Zulassungsverfahren. Wenngleich auf Tagungen oder in Online-Kommentarschlachten zur Grünen Gentechnik die Diskussionen nicht selten drunter und drüber gehen und man durchaus Argumente zu hören bekommt, die als zweifelhaft bezeichnet werden müssen, wäre hierbei eine Diagnose wie „Die Debatte um die Grüne Gentechnik ist völlig irrational“ allerdings keine erschöpfende. Vielmehr scheint es angebracht, von verschiedenen Formen der Rationalität auszugehen, die im Kontext der Debatte aufeinandertreffen.

Was meint "rational" in der Debatte um die Grüne Gentechnik?

Die Frage ist: Wie soll man mit diesen Aspekten umgehen? Wie kann man in einer vernünftigen Art und Weise auch über jene Gesichtspunkte der Kontroverse nachdenken und sich austauschen, die nicht unbedingt dem Rationalitätsanspruch der Naturwissenschaften gerecht werden? Auf diese Frage, die in zahllosen Debatten rund um die Konfliktfelder der gegenwärtigen angewandten Ethik auftaucht, gibt es mit Sicherheit keine Patentantwort. Ein Vorschlag allerdings, wie mit dieser Frage produktiv umgegangen werden kann, wurde im Rahmen eines Projekts am Institut TTN in die Praxis umgesetzt. Der Ansatz war hierbei nicht etwa, das Debattendickicht der Grünen Gentechnik zu durchforsten und bestimmte Vorstellungen oder vorgebrachte Argumente als „irrational“ oder „inadäquat“ zu „entlarven“. Vielmehr, so der Vorschlag, können diese Bilder, Vorstellungen und Argumente im Rahmen von (Selbst-)Bildungsmaßnahmen explizit zum Thema gemacht werden.

Konkret wurde im Rahmen des Projekts „Pflanzen-Forschung-Ethik.de“ der Versuch unternommen, die Grüne Gentechnik und ihre Streitfälle als Ausgangspunkt zur Förderung einer eigenständigen ethischen Reflexion zu nutzen. Es wurde ein „Online-Tool“ entwickelt, der so genannte „Online-Ethikrat“, der dem User erlaubt, ein ethisches Urteil zu konkreten gentechnischen Szenarien zu erarbeiten. Angeleitet von einem dafür entwickelten Programm vermag der Besucher der Website anhand eines mehrstufigen Diskussionsmodells ein praxisnahes Fallbeispiel interaktiv zu begutachten, beispielsweise:
„In Entwicklungsländern ist eine Ursache für häufige Erblindungen ernährungsbedingter Vitamin A-Mangel. Um dagegen vorzugehen, versuchen Forscher regionale Grundnahrungsmittel wie Cassava (Maniok) mit Provitamin A anzureichern. Dies ist auf dem Wege konventioneller Züchtung gelungen. Mit gentechnischen Verfahren konnten allerdings noch höhere Provitamin A-Gehalte erreicht werden. Soll man die Entwicklung von vitaminangereicherter Cassava für Entwicklungsländer fördern? Ist es für die Bewertung entscheidend, welche Züchtungsverfahren dabei angewendet werden?“
In der selbstständigen Bearbeitung dieser Frage wird der User nicht nur mit den naturwissenschaftlichen Aspekten des Themas vertraut gemacht, er wird ebenso zu explizit ethischen Reflexionen angeleitet. Wenn es etwa um die Fragen geht, wie weit wir in die Natur eingreifen dürfen oder welche Zielsetzungen moderne Pflanzenzüchtung verfolgen sollte, gibt das Tool keine Expertenmeinung vor, vielmehr ist der User als denkender Bürger selbst dazu herausgefordert, die Güter im Rahmen dieses Szenario zu gewichten: Was ist wichtiger? Was soll getan werden? Und wie ist die Entscheidung zu begründen? Im Nachdenken über grundsätzliche Fragen auf konkreter Basis kann der User hierbei auch etwas über die Inkonsistenzen seiner eigenen Überzeugung erfahren.

Fazit

Wie rational kann man also über die Grüne Gentechnik reden? Wahrscheinlich nicht mehr so rational wie noch in der Phase ihrer reinen Grundlagenforschung vor einigen Jahrzehnt. Was nicht verwundert: Wenn eine Technik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, ist die Debatte um sie eben keine rein technisch-wissenschaftliche mehr, vielmehr wird sie zu einem Schmelztiegel zentraler Anliegen und Fragen, die eine Gesellschaft grundsätzlich umtreiben. Hierbei mehr Rationalität einzufordern ist der eine Weg (der sicherlich nicht erspart bleibt), ein anderer ist die ethische Reflexion auch und gerade über die eigenen moralischen Überzeugungen zu fördern. Damit im Idealfall Tagungen zur „Grünen Gentechnik“ wieder zu Veranstaltungen werden, auf denen man – anders als jetzt oft der Fall – auch mal wieder Fragen zu hören bekommt statt vorbereiteter Antworten.

Der Autor Mag. Christian Dürnberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut TTN an der LMU sowie am Messerli Forschungsinstitut, Abteilung Ethik der Mensch-Tier-Beziehung (Veterinärmedizinische Universität Wien, Universität Wien und Medizinische Universität Wien)


Respons auf Christian Dürnberger: Grüne Gentechnik – Wie rational kann man darüber reden?

Die Rationalisierung als Königsweg in Debatten?

Es ist Christian Dürnberger freilich zuzustimmen: Die Debatte um Grüne Gentechnik ist nicht gerade als zielführend oder ergebnisoffen zu charakterisieren. Ja, es ist oft ermüdend, immer wieder die gleichen vorgefertigten Antworten zu hören. Und es ist richtig, dass die Frage nach der Zulässigkeit und Akzeptanz von grüner Gentechnik keineswegs allein durch besseres Wissen entschieden werden kann, dass es sich also allein um einen Wissenskonflikt handelt. Vielmehr sind eben auch Werte und Interessen involviert. Dies ist freilich alles wichtig, und soweit auch zustimmungsfähig. Mit diesen Konflikten gilt es einen Umgang zu bekommen und Dürnberger nennt als Beispiel das Webportal "Pflanzen-Forschung-Ethik", das es dem Benutzer erlaube „ein ethisches Urteil zu konkreten gentechnischen Szenarien zu erarbeiten.“ Er soll also versuchen, und das sei ergänzt, seine Überzeugungen und Meinungen in eine argumentative Form zu bringen, Argumente zu entwickeln und so etwas Rationalität in seine eigenen Überzeugungen zu bringen. Im Versuch eine Pointe könnte man sagen: Der Versuch einer Rationalisierung ist eine Möglichkeit, ist ein Verfahren, mit solchen Debatten umzugehen. Dazu seien zwei Anmerkungen erlaubt: Ist dies denn wirklich die einzige Art und Weise unserer moralischen Orientierung? Und, wenn nein, was kann dann Ethik leisten?

Über moralisches Orientieren...

Die Frage, ob eine Rationalisierung von Konflikten die einzig plausible Lösung ist, ist eng verknüpft mit der Frage danach, wie man beschreibt, wie sich der Einzelne moralisch orientiert, was man unter moralischer Orientierung versteht. Im Beitrag von Dürnberger lässt sich das doch in etwa so skizzieren: Um etwas moralisch zu bewerten, finden wir Gründe, wieso es gut oder richtig oder schlecht oder falsch ist, so oder so zu handeln oder zu entscheiden. Problematisch wird es dann, wenn diese Gründe in einem ersten Schritt nicht als rationale Gründe erscheinen, weil sie z.B. einfache wissenschaftliche Tatsachen leugnen oder weil sie wertgeladen sind. Eine Lösungsmöglichkeit ist es also, den Bürger ethisch zu bilden, sodass er in Wissensfragen auskunftsfähiger wird, oder seine Werte als Werte beschreiben kann und sie so mit anderen Wertüberzeugungen, seien Sie seine eigenen oder fremde, abgleichen kann.

Freilich, ethische Debatten laufen oft so ab. Aber ich bin mir unsicher, ob dies wirklich die Art und Weise ist, in der wir uns  moralisch orientieren. Moralische Orientierung scheint doch reicher zu sein. Es ist doch mehr als das Betrachten eines Sachverhalts, die Abwägung von bestimmten Gründen für oder wider einer Entscheidung und die Umsetzung dieser Entscheidung. Anders formuliert: Rationalität – und auch die Orientierung an Werten ist in diesem Punkt rational – erscheint doch in vielerlei Hinsicht als kalt, als fehle ihr Leben.  Dies liegt m.E. daran, dass die Orientierung in der Welt und moralisches Bewerten eben nicht (nur) durch Gründe fundiert ist. Vielmehr spielen Fragen der Wahrnehmung von Situationen, Gegebenheiten und Dingen eine Rolle. Diese Wahrnehmung wiederum lässt sich kaum trennen von den Einstellungen des Wahrnehmenden. Mit Einstellungen sind aber in diesem Fall mehr als nur die verschiedenen Formen rationaler Orientierung gemeint, mit denen sich der einzelne in verschiedenen Debattenfeldern bewegt. Vielmehr sind Einstellungen auch durch Emotionen, Weltanschauungen, durch Intuitionen, ästhetische Gefühle bedingt, die die Wahrnehmung von Situation eben unhintergebar mitprägen und das Verhalten zu diesen beeinflussen. Was mir als schön erscheint, das finde ich wahrscheinlich auch schützenswert und was ich schützenswert finde, mit dem gehe ich hoffentlich auch dementsprechend um (vgl. zu diesem Ansatz die Anmerkung 1 am Ende des Textes)

Man könnte auf diesen Vorschlag reagieren, indem man einwendet, dass diese durch Emotionen usw. geprägten Einstellungen in Werte zu übersetzen sind, damit sie in  ethischen Debatten Gehör finden. Dies  wäre eine Art, mit ihnen umzugehen, sie in Diskursesn für andere rational zu machen und sie dann einer Abwägung zugänglich zu machen. In eine ähnliche Richtung kann man auch das Ethikrat-Tool auf der Website "Pflanzen-Forschung-Ethik" interpretieren. Ein solches Vorgehen ist sicherlich hilfreich, um manches in solchen Debatten zu rationalisieren, funktioniert aber schlicht und ergreifend nicht immer. Man kann das an einem Beispiel festmachen. Wenn z.B. gesagt wird, dass gentechnisch veränderte Pflanzen heimische Arten verdrängen würden, dann lässt sich das freilich so übersetzen, dass z.B. für die Umwelt wichtige Biodiversität gefährdet ist. Jedoch ist eben auch der Begriff „Heimat“ in dieser Aussage zu finden. Und freilich, auch der lässt sich übersetzen in Figuren wie „Beständigkeit“, „Traditionelles“ und damit für eine Debatte um Wertkonflikte zu öffnen. Dennoch scheint in der ursprünglichen Aussage mehr zu stecken, als versteckte Arten von Rationalitäten, die nur auf ihre Entschlüsslung warten und dann auch eine Abwägung zugänglich sind.  Vielmehr erscheinen solche Bilder wie „Heimat“ doch gerade nicht abwägbar, stellen doch in gewisser Weise den Deuterahmen dar, in dem Dinge wahrgenommen werden. „Heimat“ oder aber auch „Natur“ sind in diesem Sinne mit Emotionen, Gefühlen oder Intuitionen verknüpft, die ganz eng damit korrelieren, was eben das richtige oder gute Verhalten in ethischen Prozesse sind, in dem diese aufgerufen werden.

… und die Aufgabe der Ethik

Was kann Ethik also neben der Aufschlüsselung in unterschiedliche Konfliktfelder noch leisten? Ethik hat auch in solchen verfahrenen Debatten die Aufgabe, solche Gegebenheiten wie Einstellungen, wie Wahrnehmungen verstehen zu wollen. Eine reine Rationalisierung wird blind für die das, was die moralische Orientierung des Menschen eben auch und wahrscheinlich sogar hauptsächlich beeinflusst. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Anliegen, die unterschiedlichen Konfliktfelder bei der Debatte um grüne Gentechnik  zu unterscheiden, nutzlos oder gar falsch wäre. In vielen Fällen ist das wichtig und auch zielführend. Jedoch ist es eben nicht alles, was in dieser Debatte eine Rolle spielt und die Verweigerung, dass emotional geprägte Argumente gehört werden, bzw. übersetzt werden müssen, schließt Stimmen aus dem Diskurs aus, die auch ein Recht haben, gehört zu werden. Gerade protestantische Ethik sollte dafür eine gewisse Sensibiltät entwickeln, da ja zumindest der Bezugsrahmen der christlichen Religion nicht einfach übersetzbar in Gründe ist. Christ-Sein bedeutet ja auch, dass man die Welt in einer bestimmten Perspektive wahrnimmt, beschreibt und nach dieser Beschreibung handelt (Vgl. dazu die Anmerkung 2 unten) Diese Rahmen der Wahrnehmung stehen m.E. weder dem Christen noch dem Bürger, der von seiner Heimat und seiner heimischen Umwelt redet, zwangsläufig und immer zur Disposition und zur Rationalisierung.

Anmerkungen:

(1) Diese Art von Ethik folgt Johannes Fischer Vorschlag, den man wahrscheinlich am besten in Verstehen statt Begründen und seiner Zürcher Abschiedsvorlesung nachvollziehen kann (Johannes Fischer: Verstehen statt Begründen. Warum es in der Ethik um mehr als nur um Handlungen geht, Stuttgart 2012 und Johannes Fischer: Die religiöse Dimension der Moral als Thema der Ethik, in ThLZ 137 (2012), Sp 384-406. Seine Überlegungen gehen wiederum in entscheidenden Punkte zurück auf H.A. Prichard: Beruht die Moralphilosophie auf einem Irrtum?, in Günther Grewendorf/Georg Meggle: Seminar: Sprache und Ethik, Frankfurt 1974, S. 61-82.

(2) Vgl. dazu auch den ersten Artikel des zweiten Hauptstücks von Luthers kleinen Katechismus, in dem das, was unter Schöpfung zu verstehen ist, als Deuteperspektive des Gläubigen entworfen wird:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Was ist das?
Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.
Das ist gewißlich wahr.“ 

Der Autor Dipl. Theol. Niklas Schleicher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU München.