Tagungsbericht - Das Nutztier als Mitgeschöpf – Herausforderung für eine Ethik der Mensch-Tier-Beziehung

Ein Tagungsbericht von Niklas Schleicher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Anselm, LMU München

Am 16. und 17. November fand in der Evangelischen Akademie zu Tutzing eine Tagung statt, deren Ziel es war, die Ethik in der Nutztierhaltung näher zu beleuchten. Neben der Ev. Akademie verantworteten die Tagung das Institut TTN (Technik-Theologie-Naturwissenschaften) an der LMU München und die Abteilung Ethik in der Mensch-Tier-Beziehung des Messerli-Forschungsinstituts an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der Medizinischen Universität Wien und der Universität Wien.

Ambition der gut besuchten Tagung war es, interdisziplinär auszuloten, wo und wie Tierschutz verbessert werden kann und welche Interessen und Probleme zu diesem Zwecke beachtet werden müssen. Um dies zu erreichen, referierten Personen aus ganz unterschiedlichen Professionen, philosophische Ethik wurde genauso gehört wie Argrarökonomie und die Postion des Veterinärmediziners genauso wie die des tierhaltenden Landwirts. Dies wiederum bedeutete für die Tagung, dass sie sich nicht (nur) in philosophische Spezialdiskussionen über den Status des Tieres vertiefte, sondern dass die Fragen anhand Erfahrungen aus den unterschiedlichen Praxisfeldern zum Thema wurden.

Stephan Schleissing: Das Nutztier als Mitgeschöpf?

Eröffnet wurde die Tagung durch einen kurzen einführenden Impuls von Dr. Stephan Schlessing (Evangelische Theologie), der auf die Chancen der spannungsgeladenen Metapher des "Nutztieres als Mitgeschöpf" hinwies. Die Debatte um das Wohl der Tiere ist insofern verbesserungswürdig, als dass bloßes Moralisieren zu vermeiden ist und die Intuition, das Gefühl für das Leiden des Tieres in einen wissenschaftsbasierten Tierschutz überführt wird.

Harald Grethe: Eine gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung?

Prof. Dr. Harald Grethe (Agrarpolitik / Landwirtschaftliche Marktlehre) stellte in seinem Vortrag die Ergebnisse aus dem Gutachten („Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“) des  Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik beim  Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in einigen Thesen vor. Deutlich wurde, dass eine Versachlichung des Diskurses von eminenter Bedeutung ist und dass Wissen um Tierschutz vermehrt zu vermitteln ist. Einen Punkt, der auch in den weiteren Vorgängen von großer Bedeutung war, war das Thema der Finanzierbarkeit von mehr Tierwohl.

Grethe machte hier deutlich, dass der Markt allein dieses Problem nicht lösen kann und dass es anderer Modelle zur Entlohnung bedarf, mit denen Landwirte Verbesserungen auf diesem Gebiet erzielen können. Auch durch eine Umlenkung der Argrarsubventionen könnte hier viel erreicht werden.

Lars Schrader: Was heißt tiergerecht beim Nutztier?

Dr. Lars Schrader (Nutztierethologie) beleuchtete die Frage, was tiergerecht überhaupt heißen kann und präsentierte einige Beispiele wie mehr Tiergerechtheit erreicht werden könnte. Tiergerecht ist dementsprechend eine Haltung, die sowohl den biologischen Funktionen, als auch den emotionalen Zuständen und den Verhaltensweisen des Tieres gerecht wird. Deutlich wurde, dass zur Definition von Tiergerechtheit die Nutztierhaltung auf die Biologie angewiesen ist und diese wiederum in "Gerechtheit" eben mehr versteht, als die bloße Abwesenheit von Leiden.

Achim Spiller: Wer soll mehr Tierwohl bezahlen?

Prof. Dr. Achim Spiller (Agrarökonomie) ging in seinem Vortrag der Frage nach, ob und inwieweit der Verbraucher bereit ist, mehr zu zahlen für tierische Produkte, die aus besseren Haltungsbedingungen entstanden sind. Er stellte fest, dass gerade bei Fleischprodukten eine hohe Verunsicherung bei den Konsumenten zu beobachten ist, sprich: Der Verbraucher, die Verbraucherin weiß oft einfach nicht, welches Produkt aus welchen Haltungsbedingungen kommt. Tierschutz ist als Marktingthema noch immer kaum präsent. Hier gibt es durchaus noch auszuschöpfendes Potential, auch wenn, und hier war sich Spiller mit Grethe einig, über den Markt allein kaum die benötigte Verbesserung erreichen lässt.

Herwig Grimm: Praktiken des Respekts in der Nutztierhaltung?

Prof. Dr. Herwig Grimm (Ethik der Mensch-Tier-Beziehung) entwarf in seinem Vortrag eine Art des ethischen Umgangs, der nicht in Status-Diskussionen um den Stand des Tieres fundiert, sondern, in guter pragmatistischer Tradition von Praktiken des Umgangs ausgeht. Er skizzierte dafür Praktiken des Respektes, die der Mensch im Umgang mit dem Tier ausbilden sollte und die zum Beispiel darauf verzichten, das Tier durch Zucht oder Haltung zwanghaft und vollständig an menschliche Interessen anzupassen. Vielmehr sollte der Nutztierhalter auch im Interesse des Tieres handeln.

Nutztierhaltung konkret

Der zweite Tag war zwei Plenen vorbehalten. Beim ersten ging es um „Tierschutz und Nutztierhaltung konkret“. Franz Lenz (Landwirt) stellte sein Konzept vor, mit dem es ihm durch Anleihen gelang, Konsumenten für die Finanzierung eines fortschrittlichen Stallsystems zu gewinnen. Seine Produkte vermarktet er direkt und es gelingt ihm so, gute Preise für tiergerechte Haltung zu erzielen. Ob sich dieses System allerdings über eine gewisse Nische ausweiten lässt, erschien ihm fraglich.

Dr. Peter Scheibl (Veterinärmediziner) berichtete von den Paradoxien und Problemen, mit denen ein Amtstierarzt zu kämpfen hat, zumal die Tierhalteverordung sehr geringe Standards des Tierwohls festsetzt.  Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Umwelt-, Argrar- und Ernährungsethik) präsentierte die Arbeit der Schweisfurth-Stiftung und legte den Fokus auf kleine, lokale Projekte, die mehr Tierwohl erreichen können. Die folgende Aussprache diskutierte u.a. das geringe Wissen über Tierhaltung in der Bevölkerung und die Frage, wer eigentlich neben den Landwirten noch als zentrale Akteure anzusprechen wäre.

Initiativen: Wie das Tierwohl erhöhen?

Die zweite Plenum-Runde stellte Initativen zum Tierwohl vor. Johann Ertl (Bauernverband) präsentierte hierbei die "Initiative Tierwohl". Der dort vertretene Einzelhandel (~80 %) dort für jedes verkaufte Kilo Fleisch einen gewissen Betrag in einen Topf, aus dem Landwirte Mittel für die Verbesserung ihrer Haltungsbedingungen beantragen können.

Herwig Grimm stellte eine "Runden Tisch" vor, bei dem in Österreich unterschiedliche Stakeholder über eine konkrete Frage des Tierwohls diskutierten und Umsetzungsmöglichkeiten erarbeiteten. Ministerialdirigent Friedrich Mayer stellte zum Abschluss die Arbeit des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten vor und betonte die Bedeutung, die die Bayerische Landesregierung dem Tierwohl bemisst - genauso wie die Wichtigkeit, die Interessen der Landwirte zu beachten und ökonomisch wettbewerbsfähig zu bleiben.

Fazit

Insgesamt zeichnete die Tagung eine sehr konstruktive Atmosphäre aus. Es war zu bemerken, dass dieses Thema jeden „angeht“. Trotzdem war es wohltuend, dass es keine pauschalen Verurteilungen einer Interessengruppe gab und niemand in plumpes Moralisieren verfiel. Dies lag sicherlich auch daran, das ganz unterschiedliche Professionen zu Wort kamen. Der Fokus lag hierbei immer auf der pragmatischen Verbesserung und nicht auf (sicherlich auch wichtigen) moralischen Grundsatzdiskussionen.