Wozu braucht man Tierversuche für die Grundlagenforschung?

Nach monatelangen Drohungen hat der Tübinger Hirnforscher Nikos Logothetis angekündigt, seine Affenversuche einzustellen. In einer Erklärung machte der Wissenschaftlers deutlich, dass er nicht etwa Kognitionsforschung an nichtmenschlichen Primaten für ersetzbar hält, wie das Tieraktivisten anschließend kolportierten, sondern dass er sich außerstande sieht, dem psychischen Druck weiter standzuhalten.

Gegenwärtig wird auch politisch immer härter um die Zulässigkeit und Notwendigkeit von Tierversuchen gerungen. Die FAZ hat dazu einen offenen Brief von 16 Nobelpreisträger abgedruckt, in dem diese die Notwendigkeit von Tierversuchen zu Forschungszwecken betonen und sich gegen eine Aufhebung der EU-Richtlinie 2010/63/EU zum Tierschutz wenden. In einem Interview mit Joachim Müller-Jung erläutert der Hirnforscher Wolf Singer, warum Tierversuche an Primaten auch für die neurologische Grundlagenforschung unverzichtbar sind; zugleich stellt Singer heraus, dass die Zahl der Experimente an Primaten ist verschwindend gering. In der Grundlagenforschung in Deutschland machen sie nur 0,01 Prozent aus.

Die Frage nach einer ethischen Bewertung von Tierversuchen ist auch Thema des aktuellen TTN-Blogs "Über den Nutzen und Schaden von Tierversuchen". Der Theologe Stephan Schleissing hebt diesbezüglich vor, dass die in Tierethik-Debatten gerne in Anspruch genommene Formel von der "Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer) sich nicht nur auf den Umgang mit nichtmenschlichen Lebenwesen bezieht, sondern eben auch eine grundsätzliche Achtung der an Tierversuchen beteiligten Personen impliziert: "Um einen öffentlichen Diskurs auch tatsächlich führen zu können, bedarf es nicht nur ein kritisches Bewusstsein, sondern ein hohes Maß an Respekt gegenüber allen Beteiligten – den Personen, die aus Gründen der Achtung vor der Menschenwürde über die Unerlässlichkeit des Tierversuchs befinden ebenso wie gegenüber den Opfern dieser Entscheidungen, also den Tieren."

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