Grüne Gentechnik - ein verantwortbarer Beitrag zur Bekämpfung des weltweiten Hungers?

Zum Thema "Grüne Gentechnik - ein verantwortbarer Beitrag zur Bekämpfung des weltweiten Hungers?" luden die Hochschule für Philosophie München, das Bistum Speyer und das Heinrich Pesch Haus zu einem Expertengespräch am 26. Februar 2014 nach Ludwigshafen ein.

Am Ende des Diskussionstages versuchte ich in einem Vortrag die roten Fäden der Kontroverse nochmal in einer interpretierenden Zusammenfassung aufzugreifen - als eine Art Schlusswort und Ausblick. Auf Nachfrage hin stelle ich diese Notizen hier online zur Verfügung. Sie sind entsprechend eher in "gesprochener Sprache" formuliert.

Der ritualisierte Streit über die Grüne Gentechnik

Die Theologin Gabriele Krczal hat die Debatte um die Grüne Gentechnik einmal als "ritualisierten Streit mit den immer selben Argumenten" beschrieben. Und so ganz Unrecht hatte sie damit nicht, denn: Obwohl die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik mittlerweile seit Jahrzehnten auf breiter gesellschaftlicher Basis diskutiert werden, ist eine Annäherung der Positionen nicht wirklich zu beobachten. Auf Konferenzen und Tagungen wie dieser werden viele Antworten gegeben - aber nur noch wenige Fragen gestellt. Die Fronten scheinen zementiert. Die wichtigsten Argumentationswege sind eingespurt. Beide Seiten pochen auf die Moral. Und wo auf Moral gepocht wird, so schreibt Van den Daele, dort wird immer auch Unerbittlichkeit signalisiert.

Zugleich – und das haben wir auch heute hier erlebt – ist die Kontroverse durchaus in Bewegung geraten: Die Auseinandersetzung erschöpft sich nicht in einer Abrechnung der biologischen Risiken der Technologie, längst werden auch andere, zentrale Fragen mitverhandelt: Die Monopolisierung der Märkte, die Frage der Patentierung, die sozialethischen Implikationen; die Leitbilder einer zukunftsfähigen Landwirtschaft (Welche Landwirtschaft wollen wir? Welche Landwirtschaft brauchen wir angesichts der wachsenden Weltbevölkerung und des Klimawandels?), die Legitimität der Verfahren politischer Entscheidungsfindung bei Techniksteuerung, die Frage der internationalen wie auch der intergenerationellen Verantwortung, ... und dazu kommen die heute ebenso diskutierten grundsätzlichen Fragen hinsichtlich der Mensch-Natur-Beziehung: Welchen moralischen Wert sprechen wir einer Pflanze zu? Artikuliert sich in der Gentechnik ein Verständnis, das Natur zur reinen Ressource degradiert? Oder liegt in ihr das Potential für eine neue, nachhaltigere Ressourcennutzung?

Ein verantwortbarer Beitrag zur Bekämpfung des Welthungers?

Salopp formuliert könnte man sagen: Im Thema "Grüne Gentechnik" laufen zahlreiche Fragen zusammen, die die moderne Gesellschaft grundsätzlich umtreiben. Kein Wunder also, wenn die Wogen hochgehen. Und kein Wunder, wenn gerade eine Frage höchst kontrovers diskutiert wird, die zentrale Menschenrechte berührt, nämlich: Inwieweit Gentechnik einen verantwortbaren Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt leisten kann.

Welche Antworten haben wir auf diese Frage heute gehört? Verschiedene. Wir haben von den Potentialen dieses technologischen Arsenals der Pflanzenzüchtung gehört, die sie zweifelsohne zu einer potentiellen Schlüsseltechnologie angesichts zentraler Herausforderungen unseres Jahrhunderts macht. Denken wir an die Ressource Wasser: Für viele Menschen ist Wasser ein knappes Gut. Zugleich leiden viele landwirtschaftliche Nutzflächen an unzureichender Wasserversorgung. Nutzpflanzen, die mit weniger Wasser denselben Ernteertrag liefern, klingen vor diesem Hintergrund verheißungsvoll.

Aber wir haben auch warnende Stimmen gehört: Stimmen, die die sozialethischen Implikationen einer Einführung dieser Technik kritisch sehen. Die vor einer Ausbeutung und Zerstörung der bestehenden Sozialstrukturen warnen, auf Abhängigkeitsverhältnisse von Kleinbauern hinweisen und die generell eine zu starke Technikfokussierung monieren.

Bertonung des Konsens

Es klingt, als hätte sich auch heute hier bewahrheitet, was ich zuvor sagte: Die Fronten sind zementiert.  Aber wir sollten die Gräben nicht tiefer ziehen, als sie sind. Denn über zentrale Werte und Güter – das haben wir heute gesehen – herrscht zwischen den Akteuren der Debatte durchaus breiter Konsens. Das Menschenrecht auf Nahrung ist unbestritten. Menschen können ihre Rechte nicht verwirklichen, wenn dieses fundamentale Grundbedürfnis nicht befriedigt ist.

Ebenso unbestritten ist, dass der Welthunger uns in unserer Verantwortung anspricht: Zwar nimmt das Menschenrecht auf Nahrung die jeweiligen Regierungen besonders in die Pflicht. Die Industrieländer, ihre politischen Akteure wie auch die Bürger sind jedoch ebenso verpflichtet, ihrer Handlungen darauf hin zu befragen, inwieweit sie die Handlungsspielräume der ärmeren Menschen und Länder verringern, ihr Recht auf Nahrung aus eigener Kraft zu verwirklichen. Darauf hat insbesondere die Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz in ihrer Studie "Den Hunger bekämpfen" explizit hingewiesen.

Keine weitere Polarisierung der Debatte

Bei diesen Fragen besteht also weitgehende Einigkeit. Der Dissens liegt bei vielen Fragen weniger auf der Ebene der Werte und ethischen Prinzipien, als auf der Ebene der Beschreibung. Exemplarisch: Gestritten wird weniger um die Frage, ob der Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen die Nahrungsmittelsicherheit von Kleinbauern (direkt oder indirekt) erhöhen soll oder nicht – sondern ob er es de facto tut. Und ob er dabei mehr Folgeprobleme zeitigt als Probleme löst.

Das ist ein evidenter und dennoch entscheidender Hinweis, denn: Das Betonen des durchaus vorhandenen Wertekonsens  kann dem Konflikt zumindest seine moralische Spitze abbrechen. Und das ist gar kein geringes Verdienst, wenn zuvor gesagt wurde, dass eine Moralisierung von Debatten immer auch Polarisierung und Verhärtung der Fronten bedeutet.

Worüber zeigte sich noch Einigkeit? Über die Rolle der Technologie allgemein. Die Rolle einer Technik – welcher auch immer – kann es „nur“ sein, einen Beitrag zur Bekämpfung des Welthungers zu leisten: Das wissen Befürworter wie Gegner. Auch unter den Befürwortern geht im Grunde niemand davon aus, dass technische Entwicklung automatisch zur Lösung eines derart komplexen Problems wie der weltweiten Mangelernährung führen wird.

Mengen- und Zugangsproblem

Welternährung ist nicht nur als Mengen- sondern auch als Zugangsproblem zu thematisieren. Selbst wenn wir bis zum Jahr 2050 jene Steigerung erreichen, die es braucht, um neun Milliarden Menschen zu ernähren, ist damit nicht sichergestellt, dass kein Mensch mehr Hunger leidet. Zugleich jedoch ist eine global hinreichende Nahrungsmittelmenge selbstverständlich eine notwendige Bedingung dafür, dass keine Unterernährung bestehen muss. Die Perspektiven "Mengenproblem - Zugangsproblem (bzw. Verteilungsproblem" wurden in der Diskussion oft gegeneinander ausgespielt - davor ist zu warnen.

Kurz gesagt: Es gab viel Diskussion. Mitunter auch Streit. Aber es zeigte sich auch der - fast möchte man sagen - erstaunlicherweise noch immer vorhandene Wille zum Dialog. In diesem Sinne gilt es nicht nur, über biotechnologische Verfahren und ihren möglichen Beitrag zur Bekämpfung des Welthungers zu sprechen - es gilt auch zu fragen: Wie können wir die Debattenkultur über derartige Themen vorantreiben und verbessern?


Kommentare

"Grüne Gentechnik - ein verantwortbarer Beitrag..."

Sehr  geehrter Herr Dürnberger,

Sie stellen am Schluß Ihres Textes die entscheidende Frage, nämlich, wie die Debattenkultur verbessert werden kann. Nach meinen Beobachtungen kann das nur geschehen, wenn alle Beteiligten über ein Mindestmaß an korrekter naturwissenschaftlicher Ausbilung verfügen. Das ist derzeit ganz offensichtlich bei uns nicht gegeben. Oder wie ist zu erklären, daß nicht zwischen Arten und Sorten, Atomen und Molekülen usw. usw. unterschieden werden kann?

Gene sind eben Dreck, der weg muß und

Atome sind böse Strahlemonster für den Bombenbau ...

Wie ich erst gestern wieder in einer mit Vehmenz geführten Dabatte lesen konnte, verfügen sehr viele "Gengegner" - "Gendreckgegner" ganz offensichtlich auch nicht über ein Mindestmaß an naturwissenschaftlicher Ausbildung, naturwissenschaftlichem Wissen. Möglicherweise geht es hier auch um ein "Nichtwissenwollen" und "Nichtwissensollen", oder wie kann man die Schließung von Schüler-Labore, in Niedersachsen, in denen Wissensvermittlung in Sachen Gentechnik erfolgreich praktiziert wurde verstehen? Die Schließung erfogte gegen den Protest der Schüler und deren Eltern durch den niedersächsischen MP Weil und seinem grünen Landwirtschaftsminister Meier. 

Eigentlich heißt es doch:  "Wissen ist Macht" 

Bei uns scheint das komplett in: "Unwissen ist Macht" verkehrt worden zu sein.

Beste Grüße

E.Grantzau