Wohin führt die Ethisierung von Technikkonflikten? Beobachtungen aus laufenden TTN-Projekten

In Diskussionen um die Einführung neuer Techniken verbindet sich mit dem Ruf nach Ethik oft das Bedürfnis nach einem übergreifenden Konsens. Zugleich kann man beobachten, dass moralische Positionen Differenzen nicht einfach überbrücken, sondern bisweilen sogar zementieren. Will Ethik zu mehr als bloßer Moralisierung führen, dann wird sie in dieser Situation den Blick für die Verfahren schärfen, in denen Konflikte moderiert werden, auch wenn wertgebundene Differenzen bestehen bleiben. 

Der österreichische Soziologe Alexander Bogner hat jüngst eine eindrucksvolle Studie zur Ethisierung von Technikkonflikten vorgelegt. Gegen alle Kritik an der Inflation einer „Kommissionsethik“ stellt er die konstruktiven Folgen einer solchen Ethik für den Umgang mit Wertkonflikten in einer pluralistischen Gesellschaft heraus. Seine ebenso überraschende wie überzeugende These lautet: Nicht im Erarbeiten des Konsenses, sondern in der Anerkennung des Dissenses liegt die Bedeutung dieser Kommissionsethik.

Gewissenskompromiss als Anerkennung von Dissens

Bogner plausibilisiert seine These anhand von Verhandlungen in deutschen und österreichischen Ethikräten: Sie zielen nicht auf einen Wertekonsens, sondern auf einen „Gewissenskompromiss“, und zwar aus gutem Grund: Denn die maßgebliche Ressource in Wertkonflikten ist weder Wissen noch Macht, sondern die persönliche Glaubwürdigkeit. Daher ist ein gemeinsames Votum nur dann möglich, wenn die persönliche Glaubwürdigkeit der einzelnen Mitglieder nicht beschädigt wird. Dementsprechend kommt es auch nicht zum Versuch, abweichende Positionen durch Argumente oder Mehrheiten zum Konsens zu nötigen. Gerade dadurch befördert der institutionalisierte Ethikdiskurs aber einen „subtilen Zwang zur Konstruktivität“: Er führt dazu, den Dissens in Wertfragen für grundsätzlich anerkennungsfähig festzuhalten. Öffentliche Bedeutung hat das, weil hier nicht nur die individuelle Abweichung Einzelner von der Mehrheitsmeinung dargestellt wird, sondern die unhintergehbare Vielfalt von Wertüberzeugungen. Das legitime Resultat der Verhandlungen von Wertfragen in Ethikräten ist so der geordnete und begründete Expertendissens – und das ist gerade kein Schaden: Denn dieser Dissens eröffnet den Spielraum für politische, nicht wissenschaftliche oder moralische Entscheidungen. Wie sollte es in einer Demokratie auch anders sein?

Energiewende: "Grüne" Werte im Konflikt

„Gewissenskompromisse“ sind etwas anderes als Kompromisse zwischen divergierenden Interessen. Sie beruhen auf gewissenhafter Abwägung und sind doch zugleich offen für andere Wertorientierungen, selbst wenn man sie nicht teilt. In zahlreichen Kontroversen um die Erforschung und Implementierung neuer Technologien ist dieser Raum für den reflektierten Gewissenskompromiss allerdings oft verstellt. Das machen zwei der gegenwärtig am Institut TTN beforschten Technikthemen exemplarisch deutlich: Bei der „Bioenergie“ geht es um den Konflikt zwischen der Naturverträglichkeit und den Effizienzanforderungen der Energiewende. Dabei werden kollektive Güter wie „Natur“ und „Landschaft“ berührt, deren Bedeutsamkeit sich nicht allein anhand ökologischer Parameter messen lässt. Es geht um „grüne“ Werte, die miteinander im Konflikt stehen. Besonders deutlich wird dies beim Streit um die Förderung von Biotreibstoffen. Der hier zutage tretende Zielkonflikt zwischen globalen Ernährungsfragen und der Abkehr von fossilen Energieträgern stellt einen durch Wissen allein nicht auflösbaren Wertekonflikt zwischen Nachhaltigkeit und Versorgungsgerechtigkeit dar. Kompromisse werden hier wohl erst möglich, wenn der bestehende Expertendissens in Fragen der Nachhaltigkeit zugleich als Ausdruck unterschiedlicher ethischer Gewichtungen beim Umgang mit dem Schutz der Natur einerseits und einer ausreichenden Versorgung mit Nahrungsmitteln andererseits anerkannt wird.

Grüne Biotechnologie und Ethik

Vergleichbares gilt auch für die Diskussion um die Erforschung neuer Biotechnologien für die Landwirtschaft. Auch hier sind nicht nur Wissens-, sondern auch Wertkonflikte bestimmend. Weil jedoch die rechtlichen Zulassungsverfahren ausschließlich auf Fragen der Biosicherheit fokussieren, konzentriert sich die Debatte einseitig auf wissenschaftliche Kriterien. Aber die Umstrittenheit dieser Methoden kann man nicht ausschließlich durch Heranziehung naturwissenschaftlicher oder sozioökonomischer Fakten erklären. Vielmehr dokumentiert die Schärfe und Unversöhnlichkeit der Debatte, dass es hier auch um fundamentale Wertfragen geht. Und zwar auf beiden Seiten – der Kritiker wie der Befürworter! Im Unterschied zu den biomedizinischen Themen krankt der interdisziplinäre Dialog um Fragen der grünen Biotechnologie allerdings – noch – an der Fiktion, man könne mithilfe der Ethik Eindeutigkeit in Fragen der Anwendung gentechnischer Verfahren in der Landwirtschaft erzielen. Die Beobachtungen Bogners zur institutionalisierten Ethik machen aber deutlich, dass es bei der „Ethisierung“ darum geht, die moralische Standortgebundenheit der eigenen Argumentation deutlich zu machen und auf diesem Wege Kompromisse allererst zu ermöglichen. Wie Ethik, Biologie und Sozialwissenschaften dabei zusammen­arbeiten können, ist gegenwärtig ein Schwerpunktthema am Institut TTN. Zusammen mit der Agentur i-bio-information arbeiten wir am Aufbau eines Onlineportals zum Thema „Grüne Biotechnologie & Ethik“, das am 15. Januar 2013 unter www.pflanzen-forschung-ethik.de online gehen wird.    

Ethik und wissenschaftlicher Sachverstand in theologischer Sicht

Nicht nur bei Fragen der Würde des Menschen, sondern auch in der Auseinandersetzung um die natürlichen Grundlagen des Lebens eröffnen ethische Verfahren einen Diskursraum, der gerade wegen der Anerkennung von Differenzen eine Verständigung – eben: Gewissenskompromisse – ermöglicht. Diese soziale Funktion von „Ethisierung“ hat insbesondere in der theologischen Ethik eine lange Tradition, weil diese gerade um der Einheit des Glaubens willen an der Verträglichkeit einer innerkirchlichen Pluralität in Lebensführungsfragen arbeitet. Weil das Evangelium eine „wertlose Wahrheit“ (Eberhard Jüngel) darstellt, weil Fragen der Religion eben gerade nicht mit solchen der Moral oder der Metaphysik zusammenfallen, wird man sich im Raum der Theologie und der Kirchen auch mit solchen Positionen kritisch auseinanderzusetzen haben, die der Verführung erliegen, mit theologischen Großbegriffen wie „Bewahrung der Schöpfung“ bestehende Konflikte normativ entscheiden zu wollen. So dient das Verfahren einer „Ethisierung“ im Horizont des Christentums zuletzt nicht nur der Achtung des individuellen Gewissens, sondern zugleich der Kultivierung eines wissenschaftlich informierten Sachverstands. Insofern führt – mit Immanuel Kant gesprochen – Moral nicht nur unumgänglich zu Religion, sondern eine religiöse Ethisierung von Technikkonflikten auch wieder zur Einsicht in die  Unverzichtbarkeit wissenschaftlicher Expertise, freilich „in den Grenzen der bloßen Vernunft“.

Literaturhinweis: Alexander Bogner: Die Ethisierung von Technikkonflikten. Studien zum Geltungs­wandel des Dissenses, Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2011.

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Rezension Bogner Ethisierung 2011.pdf19.28 KB