Rückblick auf die Tagung „Natur – Norm und Narration in der Landwirtschaft“

Im Rahmen des Kooperationsprojektes „Landwirtschaft zwischen Idyll und Dystopie – Grüne Gentechnik als Projektionsfläche von Naturbildern“ des Center for Advanced Studies (CAS) der LMU und des Instituts TTN traf sich am 25. November 2011 in der KHG München ein Kreis von Wissenschaftlern zu einem Workshop. Diskutiert wurde insbesondere die Frage, inwieweit die Narrative von Natur, Landwirtschaft und Landschaft anschlussfähig sind für ein Verständnis von Gesellschaft, in dem technologische Intervention und nachhaltiger Umgang mit den Grundlagen des Lebens zusammengedacht werden können. Ein kurzer Rückblick von Stefanie Herresthal.

Rehmann-Sutter: Essen ist mehr als Ernährung

Nach der Begrüßung durch Lena Bouman (CAS) und Stephan Schleissing (TTN) widmete sich der erste Themenschwerpunkt der Frage, wie Landwirtschaft konkret in Narrationen dargestellt wird. Christoph Rehmann-Sutter (Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck) ging in seinem Vortrag „Ethik des Essens und die Biotechnologisierung der Landwirtschaft“ auf die Frage ein, wie das Essen als leiblich-sinnlicher Akt in seiner sozialen und ökologischen Dimension mit der Technisierung der Lebensmittelherstellung in Beziehung steht. Wird in diesem Zusammenhang der Konflikt um die Grüne Gentechnik allein auf die Frage nach der technischen Möglichkeit der Nahrungsmittelherstellung fokussiert, so sieht Rehmann-Sutter hier eine instrumentalisierende Reduktion der verschiedenen Bedeutungsebenen vorliegen.

Wie die Sprache immer mehr als reine Informationsvermittlung ist, so muss auch das Essen als sozialer und ökologischer Akt verstanden werden und kann nicht auf bloße Ernährung reduziert werden. („Sharing a meal is in no way trivial.“) Wird der im Essen immer schon vorhandene Sinnbezug missachtet, kann die Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft nicht angemessen verstanden werden.

Neue Governance mit Fokus auf Bedürfnisse

Somit kann die Debatte um biotechnologische Entwicklungen als ein Anlass gesehen werden, die Beziehung zu Nahrungsmitteln in seinem gesamten Handlungszusammenhang zu verstehen. Der Markt ist hier als Governance-Instrument ungenügend. Rehmann-Sutter forderte im Anschluss an diese Überlegungen eine „2nd governance“, die, statt reine opportunitäts- und marktgesteuerte Innovationen  zu fördern, vor allem die Bedürfnisse der Konsumenten als ethische Subjekte ernst nimmt. Geleitet durch die prospektive Frage, welche Ziele erreicht werden sollen, kann diese neue Form der Governance legitimierend und reflektierend den Markt steuern. Anvisierter Orientierungspunkt für eine solche Steuerung sowohl auf Markt- als auch auf National- und Transnationalebene könnten nach Rehmann-Sutter das „gute Leben für alle“ im Sinne Aristoteles und Matha Nussbaum sein. In Analogie zur Arzt-Patienten-Beziehung sieht er in diesem Konsumenten- und produzentenorientierten Ansatz die notwenige Basis im Vertrauen, welches heute wesentlich durch das „Natürlichkeitssymbol“ vermittelt wird.

Martin Knoll: „Die Lage ist traurig, allein die Natur ist da so reich, die Gegend so schön!“

Den zweiten Teil der ersten Session bestritt der Historiker Martin Knoll (Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt) mit seinem Vortrag zum Thema „‘Wahr ist es, die Lage (…) ist traurig, allein die Natur ist da so reich, die Gegend so schön! (…)‘ Zur frühneuzeitlichen Konzeption des sozio-naturalen Schauplatzes Landwirtschaft.“ Er betonte, dass einfache dichotome Unterscheidungen zwar die Darstellungen und Diskussionen um Landwirtschaft entscheidend prägen, aber unproduktiv sind.

Anhand eines Blickes in die Geschichte lassen sich die Transformationen soziokultureller Schauplätze hingegen besser nachvollziehen. Als Beispiel diente ihm hier das Niedermoor, welches zunächst eine Ästhetisierung erfuhr, bevor es im 18. Jahrhundert als ein zu überwindendes Stadium deklassiert wurde. Anhand dieser Rekonstruktion der Geschichte zeigte sich, wie sich konkurrierende Vorstellungen abwechselten und stets unter einem Rechtfertigungsdruck standen, wodurch die Dichotomisierung und Inszenierung der Mensch-Natur-Beziehung gefördert wurde.

Bernhard Gill: Was kommt nach Produktivismus und Idyll?

Nach dem gemeinsamen Mittagessen fand der zweite Teil des Workshops statt, welcher sich mit Fragen der Modernisierung der Landwirtschaft beschäftigte. Der Soziologe Bernhard Gill (Institut für Soziologie, Ludwig-Maximilians-Universität München) ging in seiner Darstellung auf die Rolle der „Landwirtschaft zwischen postindustriellem Idyll und neo-industriellem Produktivismus“ ein. Längst wird von der Landwirtschaft in unseren Breiten nicht mehr nur Produktion von Gütern erwartet – vielmehr stellt die Gesellschaft auch andere Erwartungen an die bäuerliche Arbeit wie die Pflege der Kulturlandschaft oder aktiv betriebenen Umweltschutz. Kleine landwirtschaftliche Betriebe, die trotz und wegen der immensen landwirtschaftlichen Produktionssteigerung der letzten Jahrzehnte in ihrer Existenz bedroht sind, werden gegenwärtig vor allem aufgrund derartiger Leistungen durch Subventionen erhalten.

Dass Landwirtschaft heute weitgehend als „post-industrielles Idyll“ verstanden wird, machen außerdem Phänomene wie Hobby-Landwirte, die sich „Lifestyle-Rinder“ halten, deutlich. Es stellt sich allerdings die Frage, welches Konzept von Landwirtschaft folgen wird. Gill skizzierte eine „neo-industriellen“ Form, in welcher ein systemisches Natur- und Gesellschaftsbild deutlicher zum Tragen komme als bisher. Die ökologische Dimension sollte hier wesentliche Beachtung finden.

Jonas Kathage: Grüne Gentechnik als Chance für Kleinbauern

Im Anschluss an diese soziologischen Untersuchungen stellte der Agrarökonom Jonas Kathage (Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Universität Göttingen) eine Studie zum Thema „Moderne Agrartechnologien für eine arme Landbevölkerung – ein Widerspruch?“ vor. Die Ergebnisse von Umfragen machten deutlich, dass etwa im Fallbeispiel des Anbaus von Bt-Baumwolle in Indien die Grüne Gentechnik keineswegs einen Nachteil für Kleinbauern darstellt.

Ähnliche Ergebnisse zeitigten Studien zum Einsatz von Hybridmais in Tansania. Auch wenn ein erhöhter Saatgutpreis zu Buche steht, gaben die Kleinbauern an, durch höhere Erträge sowie geringeren Einsatz von Pestiziden einen beträchtlichen höheren Gewinn zu verzeichnen. Kathage äußerte sich in diesem Sinne optimistisch, dass moderne Agrartechnologien wesentlich zur Verbesserung der Situation kleiner bäuerlicher Betriebe in Entwicklungs- und Schwellenländern beitragen können.

Thomas Potthast: Epistemisch-moralische Hybride

Im dritten Teil des Workshops wurde von philosophischer, theologischer und juristischer Perspektive der Blick auf „Natur als Norm und Weltanschauung“ gerichtet. Erster Vortragender war der Philosoph Thomas Potthast (Universität Tübingen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften – IZEW). Er charakterisierte die Begriffe „Landschaft – Landwirtschaft – Naturwissenschaft“ als „epistemisch-moralische Hybride“. Dies bedeutet, dass ein Zugang zum Diskurs über die Rolle der Landwirtschaft nicht über eine strenge Trennung der Wissenschaften erreicht werden kann.

Die Aufteilung in Naturwissenschaft als Lieferant harter Fakten und Geisteswissenschaft als diskutierende Instanz von Werten ist überholt. Gerade Landwirtschaft oder Landschaft werden als „hybrides Erlebens-, Beurteilungs- und Wissensfeld“ wahrgenommen. Wie Potthast am Begriff der „Landschaft“ deutlich machte, herrscht immer ein symbolischer und materieller Stoffwechsel zwischen dem Menschen und der „Natur“, welcher sich exemplarisch in der Debatte im die Grüne Gentechnik zeigt.

Klaus Tanner: Rolle des Naturrechts

Daran anschließend referierte der evangelische Theologe Klaus Tanner (Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik, Universität Heidelberg) über die Rolle der Naturrechtsdebatte. Warum sprechen unsere moralischen Intuitionen dem „Natürlichem“ eine so hohe Wertschätzung zu? Dies ist zu verstehen als eine Suche nach einem Maßstab für unser Handeln jenseits menschlicher Willkür. Gerade, wenn Grenzen gezogen werden sollen, wird daher gerne auf die „Natur“ verwiesen.

Im Rückblick auf Jürgen Habermas und Ludwig Siep machte Klaus Tanner deutlich, dass strikte Dualismen von Mensch und Natur in der Naturrechtsdebatte nie funktioniert haben. Sowohl der nie ganz einholbare Bezug, den der Naturbegriff in der Lebenswelt hat („Natur“ ist nie einfach nur eine Seite der Relation), als auch die Feststellung, dass der Bezug zur Natur nie eine wertfreie Einstellung sein kann, sondern immer ein Deutungsbegriff ist, zeigen die Ambivalenz zwischen Normativität und Bedingtheit dessen, was wir unter „Natur“ verstehen.

Ino Augsberg: ‚Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge‘

Im Anschluss sprach der Jurist Ino Augsberg (Akad. Rat a. Z., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der LMU) zum Thema „Natur als Norm. Zum Problem der Bestimmung der ‚Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge‘ als Schutzgegenstand des Gentechnikgesetzes.“ Dabei machte er deutlich, dass die Probleme, die die verschiedenen Modelle des Gentechnikgesetzes aufwerfen, in einer ihnen gemeinsamen Schwierigkeit gründen: Die vielfältigen Verwobenheiten zwischen Natur und Kultur werden in juristischen Texten nicht adäquat berücksichtigt.

Die schützenswerte „Natur“ wird als ein unhinterfragtes, normatives, dem Menschen fernes Gebiet dargestellt. Dabei muss bedacht werden, dass das, was die „Natur“ „eigentlich“ ist, selbst eine normative Frage ist. Somit stellt sich der Diskurs um einen angemessenen Naturbegriff für das GenTG nicht innerhalb der Naturwissenschaften, sondern auch innerhalb der Rechtwissenschaften selbst. Zur Begründung der Normativität müssen, so Augsberg, stärker juristische Argumente geliefert werden, um den unbestimmten Rechtbegriff angemessener zu füllen.

Michael Hampe: Was ändert sich, wenn sich Einstellungen zur Umwelt ändern?

Den Abendvortrag hielt Michael Hampe (Professor für Philosophie, ETH Zürich) zur Frage „Tiefenökologie und Panpsychismus. Was ändert sich, wenn sich Einstellungen zur Umwelt ändern?“. Hampe skizzierte die Überlegungen des norwegischen Philosophen Arne Naess und seiner tiefenökologischen Bewegung hinsichtlich einer moralischen Berücksichtigung der gesamten Natur.

Naess ging es dabei – so Hampe –in erster Linie um die Ausformulierung einer Ethik, seine Arbeit ist vielmehr nicht zuletzt in der Nachfolge Rousseaus als Zivilisationskritik zu lesen. Naess diagnostiziert, dass die Mensch-Natur-Beziehung voller Widersprüchlichkeiten ist und lässt sich von der Prämisse leiten, dass der Mensch an diesen Widersprüchen leidet. Vermag eine veränderte Wahrnehmung der Natur als intrinsisch wertvoll jedoch diese Widersprüchlichkeiten aufzulösen? Anders gefragt: Ändert sich unser Umgang mit Natur durch neue philosophische Konzepte? Nicht zuletzt mit Blick auf diese Fragen spricht Naess von einer von ihm gegründeten „Bewegung“, und nicht etwa einer philosophischen Schule. Bioethische Theorien veranlassen nur bedingt ein neu ausgerichtetes Handeln.

Die Kraft der Erzählung

An diesem Punkt verwies Michael Hampe auf den amerikanischen Philosophen Rorty und seine Frage, wie es letztlich zur Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten gekommen ist. Rorty betont die Kraft der künstlerischen Narration: Seiner Ansicht nach waren es nicht zuletzt Geschichten wie „Onkel Toms Hütte“, welche – weit mehr als jede ethische Theorie und über philosophische Argumentationen – den Menschen vermitteln konnten, dass „Sklaven“ eben Menschen mit Innenperspektiven sind und entsprechend moralische Berücksichtigung verdienen.

Da Überzeugungen wesentlich von der jeweiligen Lebensform des Menschen abhängen, bergen Narrationen die Möglichkeit, durch das „gegenseitige Erzählen von Innenperspektiven“ die eigene Perspektive zu erweitern. Abschließend stellte Hampe die Frage, ob Erzählungen Ähnliches auch hinsichtlich der Berücksichtigung von Natur leisten können.

Stefanie Herresthal