Tierschutz und Tierethik

Eine kurze Geschichte des Tierschutzes

Die Erwähnung tierschützerischer Anliegen hat eine lange Geschichte. So finden sich im Codex Hammurapi (um 1700 vor Chr.) Einträge, die das Verhältnis von Menschen und Tieren regeln. Dort steht allerdings der nicht der Schutz des Tieres selbst, sondern der Schutz von Tieren aufgrund von Eigentümerinteressen im Vordergrund.

Hier ein Beispiel: §248 Wenn ein Bürger ein Rind gemietet und dessen Horn zerbrochen hat, seinen Schwanz abschneidet oder das Fleisch an seinem Zaume abreißt, so gibt er an Geld 1/5 seines Kaufpreises. Hier steht die Beschädigung fremden Eigentums im Vordergrund und nicht der Schutz der Tiere um ihrer selbst willen. Ähnlich ist das Verhältnis von Menschen und Tieren auch im Schöpfungsbericht geregelt: Gen 1, 28: Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

Das Verhältnis von Mensch und Tier ist von einer grundsätzlichen Asymmetrie zu Gunsten des Menschen geprägt. Diese Position, die ausschließlich den Menschen ins Zentrum moralischer Rücksicht stellt, wird Anthropozentrismus (anthropos = griech.: der Mensch) genannt. Hier besteht eine grundsätzliche Kluft zwischen Tieren und Menschen, die sich z.B. aus der Vernunftbegabung, Sprachbegabung etc. des Menschen herleitet. Eine solche anthropozentristische Position wird immer wieder Descartes zugerechnet, der sie im 17. Jahrhundert vertrat.

Die Situation ändert sich massiv durch die Moralphilosophie von Jeremy Bentham, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Formel prägte: The question is not whether they can reason nor can they talk, but can they suffer? Er begründet in seiner Ethik, dass allen leidensfähigen Wesen moralische Rücksicht angedeihen soll. Zu dieser Gruppe gehören natürlich auch (viele) Tiere. Diese Position prägt den Tierschutz und die tierethische Auseinandersetzung fortan. So ist auch noch im 20. und 21. Jahrhundert die Vermeidung von Leiden, Schmerzen, Schäden, Angst, Stress das zentrale Kriterium für den Tierschutz.

Tierethische Positionen im 20. Jahrhundert

Das Kriterium der Leidensfähigkeit und die korrespondierende Verantwortung, tierliches Leid zu vermeiden, wurden zu dem wesentlichen Fokus der Tierschutzbewegung des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel formuliert der prominente Tierschützer und Ethiker Peter Singer in seiner Ethik: „Wenn ein Wesen leidet, kann es keine moralische Rechtfertigung dafür geben, dass man sich weigert, dieses Leiden zu berücksichtigen. […] Wenn ein Wesen nicht fähig ist zu leiden oder Freude oder Glück zu empfinden, dann gibt es auch nichts zu berücksichtigen.“

Die biologische Ähnlichkeit von Menschen und Tieren verbindet uns mit ihnen. Die gemeinsame Fähigkeit, leiden zu können, bindet uns moralisch. Wird gegen dieses Prinzip verstoßen, da man beispielsweise der Meinung ist, Menschen wären aufgrund ihrer Artzugehörigkeit etwas Besonderes, so spricht Singer von einem ungerechtfertigten Speziesismus (Spezies = Art).

Der Kerngehalt der philosophisch begründeten tierschützerischen Positionen ist es, dass eine wesentliche Gemeinsamkeit von Mensch und Tier festgestellt und als moralisch relevant begründet wird. So z.B. Tom Regan. Er vertritt eine Tierrechtstheorie da bestimmte Tiere die Fähigkeit haben, sich als Subjekte Ihres Lebens zu erleben: „Und all diese Dimensionen unseres Lebens – unsere Lust und unser Schmerz, unsere Freude und unser Leiden, unsere Befriedigung und unsere Frustration, unser Weiterleben oder unser frühzeitiger Tod – all das macht einen Unterschied für die Qualität unseres Lebens, wie wir es als Individuen erleben und erfahren. Und da dasselbe für Tiere gilt, die uns etwas angehen (die, die wir essen und fangen, zum Beispiel), müssen auch sie als empfindende Subjekte eines Lebens mit eigenem inhärenten Wert angesehen werden.“

Ein Denker, der die moralische Gemeinschaft entscheidend erweitert, ist Albert Schweitzer. Er formuliert Anfang des 20. Jahrhunderts eine biozentrische Position (bios = das Leben), die als „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ berühmt geworden ist: „Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Nicht nur leidensfähige Wesen, wie bestimmte Tiere und Menschen, sind um ihrer selbst willen schützenswert, sondern auch alle Tiere und jedes Lebewesen. Er begründet die Position, dass Leben nur dort vernichtet werden darf, wo es unbedingt nötig ist. Jedes Vergehen muss gerechtfertigt werden.

Prinzipien des Tierschutzes

Auf dieser Grundlage lassen sich mindestens zwei zentrale Prinzipien des Tierschutzes festmachen: Es geht einerseits um den Schutz des Wohles von Tieren und die Verantwortung, Tieren unnötiges Leid zu ersparen. Zudem aber auch um einen grundsätzlichen Schutz des Lebens und die Verantwortung, Tiere nicht ohne vernünftigen Grund zu töten.

Diese zwei Grundsätze widerspiegeln sich im Tierschutzrecht: TSchG §1: Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Hier handelt es sich um eine Logik der Rechtfertigung: Jeder Eingriff in das Wohlbefinden von Tieren ist rechtfertigungspflichtig.

Neuere Entwicklungen

Eine neuere Entwicklung im Bereich des Tierschutzes stellt die Debatte um die Würde der Tiere dar, die insbesondere in der Schweiz Furore machte und mittlerweile im Tierschutzgesetz verankert ist. Im Art.1, der den Zweck des Schweizer Tierschutzrechtes bestimmt, liest man: „Zweck dieses Gesetzes ist es, die Würde und das Wohlergehen des Tieres zu schützen.“

Der Ausdruck Würde verweist auf den Eigenwert des Tieres, der im Umgang mit ihm geachtet werden muss. Die Würde des Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann. Eine Belastung liegt vor, wenn dem Tier insbesondere Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden, es in Angst versetzt oder erniedrigt wird, wenn tief greifend in sein Erscheinungsbild oder seine Fähigkeiten eingegriffen oder es übermäßig instrumentalisiert wird, so die Erläuterung im Schweizer Tierschutzrecht.

Tierschutz in der Praxis

Blickt man auf die praktischen Kontexte und darauf, wie Tiere gehalten werden, so stellt sich die Frage, wie diese Ansprüche verwirklicht werden können oder ob sie es bereits in ausreichendem Maße erfüllt sind. Hier muss man leider feststellen, dass die praktische Umsetzung des Tierschutzes noch eine arbeitsreiche Zukunft vor sich hat. Insbesondere die Haltung und Schlachtung von Tieren zum Verzehr wird regelmäßig zum Stein des Anstoßes.

Aber auch die Verwendung von Tieren im Kontext der Forschung, die tiergerechte Haltung von Haustieren und besonders Exoten, Schädlingsbekämpfung, Seuchenbekämpfung durch Massenkeulung, etc. Insgesamt handelt es sich hier um ein sehr heterogenes Feld, das in Inkonsistenzen zeigt: Lässt es sich rechtfertigen, dass eine Ratte als Haustier verhätschelt, als Schädling ohne Gnade bekämpft und als Labortier Schmerzen ausgesetzt wird? Können wir es verantworten, dass wir Nutztiere halten und schlachten, um einen massiv ungesunden Lebensstil zu verfolgen, der zudem wertvolle Flächen der Nahrungsmittelproduktion für die Futtermittelproduktion abzieht?

Die grundlegende Frage ist jedoch sicherlich, wen man mit ins Boot holen muss, damit der Kulturfortschritt Tierschutz nicht nur in den Köpfen sondern auch in der Welt manifest wird. Es ist zweifelsohne ein Kulturfortschritt, Tiere nicht mehr wie seelenlose Dinge zu behandel, sondern ihre berechtigten Ansprüche zu schützen. Dieser Fortschritt ist überfällig, denn Leiden (ver)bindet!