Tagungsbericht zur BMBF-Klausurwoche "Pluripotente Stammzellen. Lebenswissenschaftliche Praxis der Stammzellforschung und ihre ethische, soziale und legale Kommentierung" vom 28.9.-2.10.2015

Gelingende interdisziplinäre Verständigung ist für die Bioethik eine conditio sine qua non. Denn eine, wenn nicht die große Herausforderung bioethischen Arbeitens liegt in der Mannigfaltigkeit und Heterogenität der bei den jeweiligen Themen in den Blick zu nehmenden Gegenstände in sich ständig wandelnden politischen, sozialen und ökonomischen Räumen durch die sie reflektierenden bzw. konstituierenden fachspezifischen Forschungen und bereichsspezifischen Sprach- und Handlungspraktiken. Dies zeigte sich kürzlich von neuem in den Vorträgen und Diskussionen auf der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten internationalen und interdisziplinären Klausurwoche „Pluripotente Stammzellen. Lebenswissenschaftliche Praxis der Stammzellforschung und ihre ethische, legale und soziale Kommentierung“, die vom 28. September bis 2. Oktober 2015 im bayerischen Wessobrunn stattfand. Im Mittelpunkt der von Arne Manzeschke (Institut TTN an der LMU München) geleiteten Veranstaltung standen unter anderem folgende Fragen: Wie hat sich die bioethische Debatte über Stammzellforschung im Zuge der biotechnologischen Entwicklungen der letzten Jahre und der immer engeren internationalen Vernetzung auf den Ebenen von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik entwickelt? Welche ethischen Fragestellungen werden aktuell im Rahmen unterschiedlicher nationaler, kultureller und religiöser Kontexte in welcher Art und Weise diskutiert? Wie unterscheiden sich bereits benachbarte Länder wie Deutschland und Großbritannien hinsichtlich der Forschungslandschaft, rechtlicher Rahmenbedingungen, Debattenkultur und deren gesellschaftlicher sowie geistesgeschichtlicher Hintergründe? Welche Rolle sollte heute noch die Frage nach dem moralischen Status des menschlichen Embryos und der Begriff der Menschenwürde in der bioethischen Stammzelldebatte spielen?
Während dieser fünf Tage kam es zu intensiven Diskussionen zwischen den aus dem internationalen Raum (Deutschland, Großbritannien, Schweiz, Iran, Uganda, Australien, Türkei und Finnland) stammenden 15 Teilnehmern und 4 Experten, die in den Bereichen Stammzellbiologie, Jura, Philosophie, Theologie, Sozial- und Kulturwissenschaften arbeiten. Diese Interdisziplinarität und Internationalität in der Zusammensetzung der Teilnehmenden eröffnete neue Perspektiven auf die traditionell westlich geprägte und häufig recht hermetische philosophisch-bioethische Debatte der Stammzellforschung. Abschluss und Höhepunkt der Veranstaltung war ein Besuch im Labor von Micha Drukker am Helmholtz-Zentrum in Neuherberg, wo sowohl an humanen embryonalen als auch induzierten pluripotenten Stammzellen geforscht wird. Hier konnten einige während der Klausurwoche aufgekommene Fragen nochmals in einem anderen Rahmen erörtert werden. Während der Laborführung kamen zudem viele wissenschaftstheoretische Fragen auf, im Anschluss daran interessierten sich die Teilnehmer für die Sicht der Forscher auf die ethischen Diskussionsschwerpunkte und ihr Verhältnis zur Gesellschaft sowie Bedingungen der Möglichkeit einer konstruktiven Zusammenarbeit zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern. 
Entlang der die meisten relevanten Forschungsbereiche abdeckenden Tagungsbeiträge soll im folgenden der große Bogen, den eine bioethische Untersuchung der Stammzellforschung hinsichtlich zu berücksichtigender Gegenstandsbereiche zu spannen hat, abgeschritten werden – immer vor dem Hintergrund der Frage, wie die Integration der verschiedenen Wissensbestände gelingen und zu einem (in letzter Instanz auch gesellschaftlich) sinnvollen Resultat führen kann. Auf Grund der disziplinen- und gesellschaftliche Bereiche übergreifenden Problemstellungen bioethischer Kompetenz muss diese:
(I) eine genaue Kenntnis der naturwissenschaftlichen Grundlagen haben, dabei aber nicht nur den aktuellen Forschungsstand reflektieren, sondern auch ein Verständnis für die spezifischen Forschungsmethoden, Konzepte und spezifischen Sprachspiele (nicht selten metaphorischer Art) des jeweiligen Fachbereichs entwickeln und dabei stets die Bedingtheit wissenschaftlicher Erkenntnisse von bestimmten Paradigmen und Methoden sowie die Bestimmtheit ihrer Darstellung von politischen und gesellschaftlichen Interessen und Werten mitbedenken. Nur so können in den Lebenswissenschaften bereits intrikate ethische Probleme identifiziert und Wasserglasdiskussionen jenseits wissenschaftlicher Realität und Relevanz vermieden werden.
(II) das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft in den Blick nehmen, bspw. in Hinblick auf das Spannungsverhältnis zwischen Forschungsfreiheit und dem Anspruch auf gesellschaftliche Nützlichkeit des generierten Wissens, sowie auf die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, angefangen vom Finanziellen über Fragen der Akzeptanz und Akzeptabilität bis hin zum Selbstbild des Menschen und angemessenen Formen der Einbeziehung lebenswissenschaftlichen Wissens. Nicht zuletzt wird es auch um den  möglichen Diskussionsbeitrag des Wissenschaftlers gehen als eines ebenfalls der ethischen Reflexion fähigen Bürgers.
(III) rechtliche Regulierungen, ihre Auswirkungen auf die Forschung und ihre Abhängigkeit von politischen Interessen und Gestaltungsmöglichkeiten untersuchen, wobei der Ländervergleich mit Großbritannien im Kontrast erhellend ist. Desweiteren gilt es gerade in Hinblick auf Möglichkeiten und Grenzen interdisziplinären Austauschs, methodische Eigenarten wie seitens der Juristen das prozedurale Vorgehen und die Freiheiten im Fassen von Legaldefinitionen sowie insbesondere das Verhältnis von Recht und Ethik zu reflektieren.
(IV) sich mit der Realität unseres Wirtschaftssystems, dessen Rahmenbedingungen entscheidend für Entwicklung und Einsatz moderner Biotechnologien sind und auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die unter Anwendungsdruck stehende lebenswissenschaftliche Forschung hat, in bioökonomischer Analyse auseinandersetzen. Dabei ist zunächst der Begriff der Bioökonomie(n) zu klären sowie sein/ihr Verhältnis zur Biopolitik.
(V) religiöse Weltdeutungen und deren möglicherweise different begründete Sicht auf biotechnologische Entwicklungen berücksichtigen, wobei die innere Pluralität an Haltungen zu bioethischen Fragestellungen eine gemeinsame Einstellung einzelner Religionen bzw. Religionsströmungen kaum gegeben erscheinen lässt. Dies wirft die Frage nach der Bedeutung eines gemeinsamen Referenzpunktes in Form einer religiösen Schrift auf. 
(VI) epistemologische und ethische Fragestellungen in ihrem Zusammenhang sowie ihrem Verhältnis zu politischer Regulierung sehen und diskutieren. Zudem sind gerade auch bioethische Konzepte und Debattenschwerpunkte wie die Frage nach dem moralischen Status des menschlichen Embryos und die Rolle des Menschenwürdeargumentes kritisch zu beleuchten und auf ihre Relevanz und Reichweite hin zu prüfen.
(VII) sich methodisch weiterentwickeln und nach theoretischer Fundierung ihrer Praxis streben.

I. Wissenschaftliche Grundlagen


Mit einem einführenden Vortrag über Grundlagen sowie den state of the art der Stammzellforschung eröffnete Ali Motazedian (Stammzellbiologie) den Einstieg in die Diskussionen. Sein Vergleich embryonaler und induzierter pluripotenter Stammzellen zeigte, dass neben geringfügigen Unterschieden hinsichtlich der Fähigkeit der Chimären- und Teratombildung die reprogrammierten Zellen zumindest in frühen Passagen eine erhöhte Differenzierungsfähigkeit in den Zelltyp der Ausgangszellen haben, was er mit einem vermutlich verbliebenen ›epigenetischen Gedächtnis‹ begründete. Daran anschließend stellte er sein PhD-Projekt vor, in welchem er die Funktionen unterschiedlicher Transkriptionsfaktoren bei der B-Lymphozyten-Differenzierung aus humanen pluripotenten Stammzellen untersucht.
In ihrem vor kurzem abgeschlossenen PhD-Projekt erforschte Maryam Ghasemi-Kasman (Stammzellbiologie) den Einfluss von miR-302/367 Cluster auf die Reprogrammierung von Gliazellen zu Neuronen in vivo und die Rolle dieser induzierten Zellen in Hinblick auf eine mögliche Verbesserung der Regenerationsfähigkeit des Gehirns. Dieses Forschungsprojekt setzt damit nicht bei exogener Zelltransplantation an, sondern versucht, in vivo Astrozyten in funktionale Neuronen umzuwandeln.
Den Expertenvortrag in der Stammzellbiologie hielt Iryna Prots (Stammzellbiologie). Die Forschungsgruppenleiterin im bayerischen Forschungsverbund Induzierte Pluripotente Stammzellen (ForIPS) stellte zunächst das Ziel des Forschungsverbundes dar, über patientenspezifische Krankheitsmodelle auf der Basis von induzierten pluripotenten Stammzellen Erkenntnisse über die Entstehung des idiopathischen Parkinson-Syndroms zu gewinnen und neue Therapieansätze zu entwickeln. Dabei werden Hautzellen von Parkinsonpatienten zunächst zu pluripotenten Stammzellen reprogrammiert und in einem weiteren Schritt in neurale Zellen differenziert. Im Anschluss stehen sie den verschiedenen Forschungsgruppen des Verbundes zur Verfügung. Die von Iryna Prots geleitete Gruppe untersuchte an ihnen u.a. die Rolle von α-synuclein beim für das idiopathische Parkinson-Syndrom typischen Auftreten von Störungen im axonalen Transport von Mitochondrien.


II.    Wissenschaft und Gesellschaft


Den Übergang vom Forschungsstand zur Forschungsethik bot der Vortrag von Andrew Akampurira (Angewandte Ethik) mit seiner Problematisierung des informed consent. Am Beispiel seines Heimatlandes Uganda zeigte er die prinzipiellen Schwierigkeiten auf, das von ihm als „western ritual“ bezeichnete Prinzip der informierten Zustimmung in einer kulturell, mentalitär, aber auch technisch und ökonomisch von den westlichen Ländern sehr verschiedenen Region umzusetzen. Zum einen kollidiere die Individuumsbasiertheit des informed consent unter Umständen mit Verfahren gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung für oder wider die Teilnahme an medizinischer Forschung, zum anderen stellen Bedingungen wirtschaftlicher Not, fehlender medizinischer Grundversorgung, mangelnder Alphabetisierung, Bildung und geringen Verständnisses für wissenschaftliche Forschung im Unterschied zur erhofften medizinischen Versorgung die Freiheit der Entscheidung massiv infrage.
Weniger das Verständnis als die gesellschaftlichen Einstellungen zur Stammzellforschung sowie zu signifikanter Lebensverlängerung untersuchte Rosa Rantanen (Philosophie) in einer Meinungsumfrage unter serbischen Pharmaziestudenten und deren quantitativer sowie bioethischer Auswertung. Kriterien zur bioethischen Analyse der Ergebnisse sowie Formen und Grenzen einschlägiger empirischer Sozialforschung waren Gegenstand der anschließenden Debatte.
Einer der meistbeachteten Fälle von Wissenschaftsbetrug der letzten Jahre war sicherlich der STAP-Skandal am japanischen Riken-Institut. Melina Antonakaki (Biologie und Sozialwissenschaften) analysierte unter Rückgriff auf kulturwissenschaftliche Theorien situierten Wissens den Umgang von Gesellschaft und Forschungsgemeinschaft sowohl mit den STAP-Zellen als auch mit Haruko Obokata als Forscherin und Frau. Dabei zog sie erhellende Parallelen hinsichtlich der gewaltsamen und beschränkten Methoden der Wahrheitsfindung über Interviews und Experimente, die die Unfähigkeit zum offenen Gespräch bzw. Einlassen auf den Gegenstand/Gegenüber seitens Wissenschaft und Gesellschaft zeigen: Einerseits werden die STAP-Zellen geradezu ,gefoltert‘, um sie in den Zustand der Pluripotenz zurückzuversetzen, welcher dementsprechend als „instance of absolute unsociability“ konzipiert werde. Andererseits weise die mediale und institutsinterne Untersuchung des STAP-Skandals und die Behandlung von Obokata ebenfalls inquisitionäre Züge auf.


III.    Rechtliche Regulierung der Stammzellforschung in Deutschland, Großbritannien und der EU


Sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien gab es bisher keine ähnlichen Fälle von Wissenschaftsbetrug in der Stammzellforschung. Cheryl Lancaster (Stammzellbiologie, Geschichte und Philosophie der Stammzellforschung) verglich die beiden Länder hinsichtlich ihrer Regulierung der Stammzellforschung, Maßnahmen für Integrität der Forschung und der Universitätskultur und kam zu dem Schluss, dass in Großbritannien auf Grund der liberalen Regulierung der Stammzellforschung die Gefahr des Wissenschaftsbetrugs größer sei, diese aber durch die offene Universitätskultur in britischen Laboren, in der Fehler offen diskutiert werden können, reduziert werde. In Deutschland dagegen fehle auf Grund starken Hierarchiedenkens und Abhängigkeiten von Vorgesetzten diese gegenseitige informelle Kontrolle, dafür schränke aber die illiberale Gesetzgebung auf formalem Weg Betrugsmöglichkeiten weitgehend ein.
Jens Kersten (Rechtswissenschaften) gab als Experte einen Überblick über die gesetzliche Regulierung der Stammzellforschung in Deutschland und diskutierte ein spezifisches rechtliches Problem induzierter pluripotenter Stammzellen: Sofern diese im Zuge der Reprogrammierung ein Stadium der Totipotenz durchliefen, kämen sie in Konflikt mit dem Stammzell- und dem Embryonenschutzgesetz sowie dem Grundgesetz, welche beiden letzteren jede totipotente humane Zelle als Embryo definieren und diesem Menschenwürde zuschreiben. Kersten löste dieses Problem durch die begriffliche Unterscheidung von transienter Totipotenz – als eine Phase in der menschlichen Entwicklung, auf die sich Schutzansprüche erstrecken – und totipotenter Transienz, womit Zellen in einem als Kontinuum begriffenen Reprogrammierungsvorgang bezeichnet werden, die dadurch nicht unter die genannten Gesetze fallen.
In ihrem Vortrag über ethisch motivierte Grenzen der Patentierbarkeit der Ergebnisse aus der Stammzellforschung zeigte Fruzsina Molnár-Gábor (Rechtswissenschaften) auf, wie unterschiedlich Patentämter und Gerichte in Deutschland, Großbritannien und auf der europäischen Ebene in der Frage agieren, was auf Grund des Verstoßes gegen „public order“ und „accepted principles of morality“ nicht patentierbar sei. Fehlende nationale und EU-weite Legaldefinitionen letzterer Öffnungsklauseln des internationalen Patentrechts führen zu einer unterschiedlichen Praxis der Patenterteilung seitens der Patentämter und Fallentscheidungen nationaler sowie EU-Gerichte. Die Praxis hat wiederum gemeinsam mit dem Agieren außergerichtlicher Akteure, Einfluss auf die Entwicklung von Gesetzesvorschlägen.
Die kommerzielle Nutzung menschlicher Embryonen wird im deutschen und europäischen Patentrecht als Paradebeispiel für aus ethischen Gründen nicht patentierbare Gegenstände angeführt und auch im deutschen Stammzellgesetz und Embryonenschutzgesetz als Verstoß gegen die Menschenwürde bezeichnet. Hannah Schickl (Philosophie) argumentierte, dass sowohl die Verwendung menschlicher Embryonen zu reinen Forschungszwecken als auch ihre Nutzung als Rohmaterial für medizinische Anwendungen diese zu bloßen Objekten zum Nutzen Dritter mache. Die kommerzielle Nutzung menschlicher Embryonen mit Verweis auf ihre Menschenwürde zu verbieten, aber die Forschung an ihnen zuzulassen, sei ethisch inkonsistent.
Gegenstand der anschließenden Diskussionen waren Fragen nach dem Verhältnis von Ethik und Recht sowie nach der Auswirkung von Patenten und Kommerzialisierungsmöglichkeiten  bzw. deren Fehlen auf die Stammzellforschung.

IV.    Kontext der Bioökonomie


Methodische Fragen bioökonomischer Analyse und deren theoretischen Hintergrund einerseits innerhalb der Science and Technology Studies, andererseits in der politischen Philosophie Foucaultscher Prägung diskutierte Lorenzo Beltrame (Sozialwissenschaften). Er konzeptualisierte Bioökonomien als einander überlappende und hybridisierende, soziopolitische Systeme, die es in Hinblick auf zentrale Akteure und Institutionen sowie deren Hierarchien und Machtverhältnisse zu analysieren gilt, was er am Beispiel des Verhältnisses privater und öffentlicher Nabelschnurblut-Banken, weiterer involvierter Akteure und diesbezüglicher Regulierungen vorführte. 

V.    Haltungen zur Stammzellforschung und Debatten innerhalb von Religionsgemeinschaften


Einen weiteren thematischen Schwerpunkt bildeten die Haltungen verschiedener Glaubensvertreter zur Stammzellforschung sowie der Charakter der entsprechenden innerreligiösen Debatten. Die Einblicke in die Einstellungen prominenter deutscher protestantischer und türkischer muslimischer Theologen verdeutlichten, dass es innerhalb dieser Religionsgemeinschaften trotz des gemeinsamen Glaubenshintergrundes ein sehr breites Spektrum an Haltungen und Argumenten für und wider die Schutzwürdigkeit menschlicher Embryonen und die Zulässigkeit der Forschung an aus ihnen generierten Stammzellen gibt.
Niklas Schleicher (Evangelische Theologie) gab einen Überblick über die Debatte um die Forschung mit embryonalen Stammzellen in der evangelischen Ethik der letzten Jahrzehnte, indem er die sehr verschiedenen Positionen zur Statusfrage von Eilert Herms, Johannes Fischer, Ulrich Körtner und Ulrich Eibach darstellte. Im Anschluss hinterfragte er die postulierte ethische Unbedenklichkeit der Forschung an adulten Stammzellen.
Ahmet Karakaya (Kulturwissenschaften) stellte die Ergebnisse seiner qualitativen Interviews mit türkisch-muslimischen Theologen vor, in denen es um ihre Einstellung zur Forschung mit embryonalen Stammzellen, den Beginn der Schutzwürdigkeit in der Embryonalentwicklung und moralische Implikationen der Beseelung ging. Diese Themen werden unter türkisch-muslimischen Theologen unter Verweis auf die Bedeutung der Gesundheit, der Würde des menschlichen Körpers, alternative Forschungswege, Nutzen und Schaden, den genauen Zeitpunkt der Beseelung, das Verständnis der Menschheit als Statthalter Gottes u.v.a. kontrovers diskutiert, wobei kaum jemand die Forschung mit embryonalen Stammzellen von Grund auf ablehne.

VI.    Aktuelle philosophisch-ethische Fragestellungen


Christine Hauskeller (Philosophie und Sozialwissenschaften) gab einen Überblick über epistemologische und ethische Fragen der Stammzellforschung und deren Zusammenhang mit Fragen politischer Regulierung. Die ethische Reflexion bedürfe zur Beurteilung des Gegenstandes der Wissensvermittlung seitens der Naturwissenschaftler – deren Beschreibungen seien jedoch keine objektiven Wahrheiten, sondern geprägt von bestimmten Methoden und Paradigmen sowie Werten und Interessen, die es sich bewusst zu machen gelte. Die Frage nach einer ethisch qualifizierten Stammzellforschung, welche im Idealfall ethisch einwandfrei wäre hinsichtlich ihrer Ziele und Methoden, verwendeten Materialien und klinischen Anwendungen, führe direkt zu Fragen politischer Regulierung und der Rolle von leitenden Interessen und Werten bestimmter Gruppen innerhalb der Wissenschaft, zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, innerhalb ethischer Disziplinen sowie zwischen diesen, der Gesellschaft und der Politik.
Nach dieser Erinnerung an die politische, historische und kulturelle Kontextabhängigkeit von Wissenschaft und Ethik führte Martin Hähnel (Philosophie) die Teilnehmenden in das Reich abstrakter philosophischer Fragestellungen, indem er die gegenwärtige philosophische Diskussion über ontologische Vagheit vorstellte und auf ethische Fragestellungen der Stammzellforschung anwendete. Auf Basis der verschiedenen Konzepte von Vagheit ließen sich zwei Realitätsmodelle unterscheiden, welche wiederum unterschiedlichen ethischen Grundeinstellungen zu Grunde lägen: Auf der einen Seite gebe es sortale Ontologien, die die Existenz einer „nicht-konventionellen Ordnung der Natur“ akzeptierten, welche auf Grund ihrer normativen Relevanz zu einer konservativen Haltung in bioethischen Fragen führe, d.h. technische Eingriffe in die Natur als artifiziell ablehnten. Auf der anderen Seite gebe es „konventionelle nicht-sortale Ontologien“, die auf die Vorstellung einer wohlgeordneten Struktur der Welt verzichteten und hinter liberalen bioethischen Positionen stünden, welche die Unterscheidung von Natürlichkeit und Künstlichkeit nicht für normativ relevant hielten.
Ein Schlüsselbegriff in der bioethischen Debatte um Stammzellforschung und Embryonenschutz ist zweifellos der Terminus Totipotenz, dessen unterschiedliche Verwendungsweisen in Entwicklungsbiologie, Recht und Ethik Anja Pichl (Philosophie) analysierte. Dabei erwiesen sich die ontologischen und moralischen Konnotationen dieses ursprünglich heuristische Zwecke erfüllenden biologischen Funktionalbegriffes als nicht haltbar. In Auseinandersetzung mit dem ethischen Potentialitätsargument und den neueren Versuchen Stiers u.a., es ad absurdum zu führen, zeigte sich als beiden gemeinsames Grundproblem ein moralphilosophisch unhaltbarer ethischer Naturalismus, der moralische Schutzwürdigkeit auf (potentiell oder aktuell vorliegende) empirische Eigenschaften gründet.
In der Debatte um den moralischen Status des Embryos wird in vielfältiger Weise auf den Begriff der Menschenwürde rekurriert. Sebastian Muders (Philosophie) analysierte die Konzeptionen Reinhard Merkels (gattungsbezogene Menschenwürde) und Peter Schabers (Anspruch auf Selbstachtung) und entwickelte in kritischer Auseinandersetzung mit diesen ein umfassendes Konzept der Menschenwürde, welches auf alle menschlichen Wesen, mithin auch den menschlichen Embryo, anwendbar sei und allen den gleichen moralischen Schutz verleihe. Letzterer beinhalte auch ein Recht auf Leben, womit ein Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen zu rechtfertigen sei.

VII.    Zur Zukunft der Bioethik


Ein Unbehagen an der gegenwärtigen bioethischen Diskussion und Einsicht in die Notwendigkeit, die Bioethik hinsichtlich ihrer theoretischen Fundierung und methodischen Werkzeuge weiterzuentwickeln, durchzog die Diskussionen und nicht nur die folgenden Beiträge, die explizite Vorschläge für eine künftig anders zu gestaltende Bioethik vorbringen. Einen grundlegenden und viel stärker zu berücksichtigenden Beitrag zur Bioethik sah Mathias Wirth (Evangelische Theologie) im Denken Jürgen Habermas’, dargelegt in „Die Zukunft der menschlichen Natur“ (2002). Er führte vor, wie Habermas’ Ansatz mit seiner Betonung der „Unverfügbarkeit des naturwüchsigen Modus leiblicher Verkörperung“ und dessen Bedeutung für unser Selbstverständnis als freie und verantwortliche Wesen für die bioethische Diskussion induzierter pluripotenter Stammzellen fruchtbar gemacht werden könnte. Er kam zu der Einschätzung, dass die iPSZ-Technologie und deren derzeit denkbare Anwendungen nicht als Instrumentalisierung der menschlichen Natur aufzufassen seien. 
Manuel Willer (Philosophie) plädierte dafür, die Frage nach dem moralischen Status von iPS-Zellen im Rahmen einer auf Fritz Jahrs Lebensbegriff basierten integrierten und pluriperspektivischen Bioethik zu diskutieren, welche er der dominanten „Georgetown Bioethics“ – auf Van Rensselaer Potter und Andre Hellegers zurückgehend –gegenüberstellte. Während letztere das Rationalitätsverständnis der Natur- und Technikwissenschaften teile und diesem dadurch sowie auf Grund ihres Individualismus und Liberalismus keine Grenzen zu setzen vermöge, stünde bei ersterer die Frage nach der Reichweite und Rechtfertigung von Eingriffen (bspw. durch Reprogrammierung von Körperzellen) in die als Wert an sich betrachtete Integrität des Lebens im Fokus.
Auch Ludwig Krüger (Philosophie und Sozialwissenschaften) hielt neue ethische Perspektiven für die gegenwärtige bioethische Diskussion der Stammzellforschung und des Beginns menschlichen Lebens für erforderlich. Dafür gelte es, vier in der bioethischen Debatte bisher eher vernachlässigte Aspekte unter Rekurs auf Hegel systematisch zu erforschen: (I) das Verhältnis zwischen Prinzipien bzw. Normen und empirischen Fakten bis hin zur Frage nach dem gemeinsamen Grund theoretischen und praktischen Wissens; (II) die „implizite Ethik der Lebenswissenschaften“ als verbindendes Element zwischen Naturwissenschaftlern und Bioethikern; (III) das Konzept des Lebens als gemeinsames integratives Fundament, wobei der Lebensanfang mit Hegel als Negativität zu denken sei; (IV) das Konzept von Natur und Natürlichkeit im Verhältnis zu dem der Person.

Fazit


Beginnend mit der Frage, was Stammzellen eigentlich sind – spezielle Zellen oder spezifische Entwicklungsstadien von Zellen – ging es in den lebhaften Diskussionen im Anschluss an die Vorträge häufig um die spezifischen Konzepte, Ausdrucksweisen, Metaphern und Narrative innerhalb verschiedener Formen wissenschaftlichen (und lebensweltlichen) Wissens. Gefragt wurde dabei auch danach, wie sehr der methodische Zugang der Lebenswissenschaften bestimmte Wissensformen ausschließe sowie nach einem gemeinsamen Grund verschiedener Wissensformen. In der Erörterung der Eigenarten lebenswissenschaftlichen, stärker an Modellen denn an Gesetzen orientierten Wissens wurde auch diskutiert, welches Verständnis der Welt und unserer selbst, welche Bilder, Metaphern und Vorstellungen bei der wissenschaftlichen Erkenntnisgenerierung und -vermittlung eigentlich produziert werden. In einer solchen sprachkritischen Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen Gegenständen beschäftigt man sich bereits mit wesentlichen dieser Forschung impliziten ethischen Fragestellungen. Unerlässlich für die ethische Erörterung der Stammzellforschung ist dementsprechend eine sorgfältige Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Grundlagen, Konzepten und Beschreibungen sowie ein enger Austausch mit den Wissenschaftlern des Feldes.
Heftig umstritten unter den Teilnehmern war, ob die Statusdebatte, die in der deutschsprachigen Diskussion nach wie vor eine große Rolle spielt, weitergeführt werde sollte und wenn ja in welcher Form. Hier zeigten sich unter den Teilnehmern große Unterschiede hinsichtlich ihres Selbstverständnisses als BioethikerInnen und der Rolle, die Bioethik in der Gesellschaft spielen sollte. Von der Verortung der Bioethik in der philosophischen Theorie und deren recht hermetischer Diskussion über die diesbezügliche Kritik, dass Ethiker Gefahr liefen, nur noch folgenlos zu sich selbst zu sprechen,  weiter über die Vorstellung, Bioethiker sollten die Gesetzgebung auf mögliche Widersprüche hin überprüfen und konsistente Regulierungen der Lebenswissenschaften vorschlagen bis hin zur engagierten Verteidigung konkreter moralischer Positionen wie der Würde des menschlichen Embryos war ein breites Spektrum bioethischer Ansätze und Rollenverständnisse vertreten. Im Sinne eines gnothi seauthon sollte jedoch gerade der Philosoph, der Bioethik gern als „philosophische Teildisziplin“ (Düwell) auffasst und daher einen Primat philosophisch-ethischer Theoriebildung und Deutungshoheit in bioethischen Fragen beansprucht, seine Rolle und Kompetenz in der Klärung bioethischer Fragen selbstkritisch reflektieren und nach Möglichkeit nicht überschätzen. Stattdessen gilt es, in philosophischem Zugriff die einzelnen fachwissenschaftlichen Diskurse insbesondere in Hinblick auf den jeweiligen epistemologischen Zugang, dessen Voraussetzungen und Grenzen, die Geltungsbedingungen und Bedeutung des generierten Wissens hin zu analysieren, um eine disziplinenübergreifende Verständigung zu ermöglichen. Zudem muss sich die Bioethik theoretisch besser fundieren und auch für die ethische Bewertung neue Werkzeuge finden, denn unsere Kategorien traditioneller Moralphilosophie (Menschenwürde, Person...) scheinen einfach nicht auf biotechnologische Artefakte (Biofakten) wie Stammzellen gleich welcher Herkunft zu passen und neue Grundlagen ihrer Bewertung erforderlich zu machen.
Deutlich wurde während der Klausurwoche an vielen Stellen: Um Gegenstände bioethischer Analyse wie z.B. Stammzellforschung in ihrer Komplexität und Reichweite zu thematisieren, bedarf es einer interdisziplinären Zusammenarbeit, die neben dem Einbringen der einzelnen Fachkompetenzen auch die Realitäten politischer Entscheidungsfindungsprozesse und wirtschaftlicher Verflechtungen in den Blick zu nehmen vermag. Wie eine solche vielerlei Grenzen überschreitende Zusammenarbeit gelingen kann und wohin sie führen wird, ist nicht abzusehen. Erste Schritte wie sie mit Veranstaltungen wie der vorgestellten Klausurwoche unternommen werden, zeigen neben den aktuellen fachlichen Forschungssschwerpunkten zunächst einmal die enorme Schwierigkeit, aber auch Notwendigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Anja Pichl