Tagungsbericht: Bioethik im Diskurs

Vom 24. bis 25. November 2014 fand eine Kooperationstagung
des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität
Wien (IERM) des Instituts TTN sowie der Evangelischen
Akademie in Tutzing ebendort statt.

 

Inhaltsübersicht

I: Perinatale Diagnostik – ein Diskurs im Wandel! 

Zum Stand der medizinischen Diskussion – Erwartungen an die Ethik
PD Dr. med. Tanja Krones

Zum Stand der ethisch-moralischen Diskussion - Erwartungen an die Medizin
Pastor Dr. theol. Michael Coors

II: Synthetische Biologie – ein Diskurs der Vergangenheit?

Schöpfer Mensch? Playing God?
Prof. Dr. theol. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner

Molekulare und klinische Einblicke: neurodegenerative Erkrankungen und Stammzellen
Prof. Dr. med. Jürgen Winkler, Prof. Dr. Dieter Chichung Lie

Eingebettete Ethische Begleitforschung
PD Dr. theol. habil. Arne Manzeschke, Hannah Schickl M.A.

Haben reprogrammierte Stammzellen einen moralischen Wert?
Dr. Julia Inthorn

Humanstammzellen – Foren

IV: Bioethik – ein Metadiskurs

„God Committees“, „Wunder“ und ethische Beratung. Zur Entwicklung der Bioethik im öffentlichen Diskurs
Prof. Dr. med. Andreas Frewer, M.A.

Forschungsrezeption und Deutungskategorien – der Bio-Ethik-Diskurs und seine Bedingungen. Kurzimpulse – Podium – Plenum
Pastor Dr. theol. Michael Coors / Prof. Dr. med. Andreas Frewer, M.A. / Prof. Dr. theol. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner / Wolfgang Küpper; Moderation: PD Dr. theol. habil. Arne Manzeschke

Thematische Einführung

Biotechnologische Forschung und Entwicklung haben in den vergangenen Jahren unsere Vorstellungen vom Leben und seiner Gestaltbarkeit massiv verändert. In der Verbindung von biologischer Forschung und Ingenieurwissenschaft (Stichwort: converging technologies) werden die Unterscheidungen Natur/Kultur bzw. Natur/Technik immer unschärfer. Gegenwärtige technische Eingriffsmöglichkeiten in die Natur, wie sie beispielsweise die Stammzellforschung in der Re- und Umprogrammierung von Körperzellen unter Beweis stellt, sind von einer nie zuvor gekannten Tiefe und Reichweite. Eine Grenze für deren Entwicklungspotenzial ist technologisch nicht in Sicht.

Der ›technologische Imperativ‹ (Edward Teller) sagt: Was technisch verstanden und machbar ist, muss getan werden! Die Ethik hält dagegen: Es geht nicht allein um Machbarkeit, sondern
auch um Verantwortbarkeit. In ihrer Vielgestaltigkeit als Begleitforschung, Politikberatung und schließlich als Teildisziplin der philosophischen oder theologischen Wissenschaft hat Ethik verschiedenste Aufgaben zu erfüllen. Welche sind dies genau und mit welchen Mitteln lassen sie sich bewältigen? Welcher Methoden bedient sie sich dabei und wie wird sie ihrer eigenen Verantwortung gerecht?

Wenn es um die Einschätzung der Lebenswissenschaften und biotechnologischen Neuerungen geht, weisen gesellschaftliche Diskurse eine große Ambivalenz auf: Einerseits bestehen hohe Erwartungen an die Wissenschaft, Fortschritte in der medizinischen Diagnose und Therapie, in der Nahrungsmittel- und Energieversorgung sind erwünscht. Andererseits erwecken ebendiese Fortschritte die Befürchtung, dass der Mensch sich selbst und seine Umwelt verlieren oder irreparabel zu seinem und ihrem Schaden verändern könnte.

Die Tagung versuchte, anhand ausgewählter biotechnologischer Entwicklungen den Stand der bioethischen Diskussion in Philosophie, Theologie und Gesellschaft zu erheben. Im Mittelpunkt stand die Frage nach ihrem Wechselverhältnis und der Orientierungskraft, die aus einer Selbstreflexion unseres Umgangs mit bioethischen Fragestellungen erwachsen kann.

I.    Perinatale Diagnostik – Ein Diskurs im Wandel!

Zum Stand der medizinischen Diskussion – Erwartungen an die Ethik

PD Dr. med.  Dipl. Soz. Tanja Krones

Die Medizinerin und Soziologin Tanja Krones ging zunächst auf derzeitige diagnostische Möglichkeiten der Prä- und Perinatalmedizin ein und stellte insbesondere mit Blick auf die Präimplantationsdiagnostik (PID) und die nicht-invasive Pränataldiagnostik (PND) fest, dass der Eltern häufig (und Krones zufolge fälschlicherweise) unterstellte Wunsch nach einem perfekten Kind medizinisch nicht erfüllbar sei. Selbst die Ganzgenomsequenzierung des Embryos durch den Test mütterlichen Blutes (z. B. Praena-Test) und väterlichen Speichels sei nur begrenzt aussagekräftig, da alle Menschen potentiell krankhafte Genveränderungen aufwiesen, deren spätere Ausprägung oder Nichtausprägung man jedoch meist nicht vorhersagen könne.

Ethik der Beziehung versus Ethik der Verantwortung


Im Anschluss stellte Krones den von Carol Gilligan mitentwickelten ethischen Ansatz der Care-Ethik dem von Habermas u. a. vertretenen Ansatz der Verantwortungsethik gegenüber. Schwangerschaftskonflikte seien keine rechtlich oder logisch lösbaren Probleme, sondern persönliche Dilemmata, bei denen die besondere Beziehung der Schwangeren zum Kind immer mitgedacht werden müsse. Verantwortungsethische Ansätze stellten dagegen die Frau dem Kind unverbunden gegenüber und konstruierten so eine Pflicht zur Verantwortungsüber-nahme oder auch einen Diskriminierungsvorwurf. Letzterer gehöre jedoch in die öffentliche Sphäre und sei nicht übertragbar auf Nahbeziehungen. Aufgabe der Ethik sei es, gute Gründe zu suchen und hilfreiche Lösungen zu finden, wobei dies in der Forschungsethik auch in Reglementierungen münden, in ethischer Beratung bei Einzelfallentscheidungen dagegen die Form der Unterstützung in Dilemmasituationen annehmen sollte. Ein Unikum der PID-Reglementierung sei es, dass eine Ethik-Kommission in einem individuellen Einzelfall über dessen Legitimität entschiede – abschließende skeptische Frage an die Ethik war, ob das Fällen solcher Entscheidungen ihre Aufgabe sei.

Zum Stand der theologisch-ethischen Diskussion

Pastor Dr. theol Michael Coors

Der Evangelische Theologe Michael Coors ging zunächst auf die Debatte um den moralischen Status des Embryos innerhalb der theologischen Ethik ein. Hierbei unterschied er eine Position, die den moralischen Status des Embryos an dem Zeitpunkt seiner Entstehung, i.d.R. der Zellverschmelzung, festmacht, von derjenigen, die den moralischen Status des Embryos von seiner Zielbestimmung, der Geburt, und dem Gesamtzusammenhang vorgeburtlichen Lebens mit dem der werdenden Eltern her zu begründen versucht. In Anknüpfung an die letzterer Position zu Grunde liegende Anthropologie der Beziehung kritisierte Coors die Verengung der Diskussion in der Reproduktionsmedizin auf den moralischen Status des Embryos und schlug stattdessen vor, sich auf den Menschen als Beziehungswesen zu konzentrieren.

Ethik der Reproduktionsmedizin als Familienethik

Eine Ethik der Reproduktionsmedizin müsse die Gestalt einer Familienethik annehmen, wobei jedoch die ethische und theologische Herausforderung darin läge, die Besonderheit des sozialen Gefüges Familie zu verstehen. Am Beispiel der Entscheidungssituation von Paaren, die eine PID in Erwägung ziehen, zeigte Coors, dass in dieser nicht über Embryonen entschieden werde – deren moralischer Status daher offen bleiben könne –, sondern über die vorgestellten möglichen Kinder. Zu fragen sei also nach dem moralischen Status der Vorstellungsbilder, auf Grund derer Eltern ihren Embryo als Kind betrachteten. Unterscheiden Eltern nur zwischen einem gesunden und einem kranken künftigen Kind oder aber zwischen vorgestellten unterschiedlichen Kindern?


In der anschließenden Diskussion zwischen Tanja Krones, Michael Coors und dem Publikum stand die Frage des Verhältnisses von moralischer Bewertung zur biologischen und sozialen Natur des Menschen im Mittelpunkt. Auf die Frage, was die soziale Eigenschaft des In-Beziehung-Stehens zu einem moralischen Kriterium mache, antwortete Michael Coors, dass Werte nur in und aus sozialen Beziehungssystemen bestünden. Tanja Krones wies auf die Problematik des Begriffs des Sein-Sollen-Fehlschlusses hin: es gebe kein Sollen ohne Sein, für Ersteres müssten Plausibilitätsgründe gefunden werden, die im Sozialen überzeugender als im Biologischen zu verorten seien.

II.    Synthetische Biologie – ein Diskurs der Vergangenheit?

Playing God? – Schöpfer Mensch?

Prof. Dr. theol. Dr. hc. Ulrich H.J. Körtner

Auf Grund der Verhinderung Ulrich Körtners wurde sein Vortrag von seiner Mitarbeiterin, Ulrike Swoboda, M.A., vorgelesen.

Der Theologe Ulrich Körtner erörterte Wesen, Aufgabe und Grundlage der Bioethik. Vor dem Hintergrund, dass Natur uns nur kulturell überformt zugänglich sei und heutzutage immer mehr zu technischer Konstruktion werde, und, was die Natur des Menschen betreffe, Technik als eine konstitutive Wesens- oder Seinsbestimmung aufzufassen sei, müsse Bioethik auch Technikethik sein, und zwar in einer Doppelrolle als Technikfolgenabschätzung und Moralbegründung aus dem Wesen der Technik. Die Bioethik dürfe jedoch nicht der reduktionistischen und technizistischen Verengung des Lebensbegriffs seitens der Lebenswissenschaften folgen, sondern habe die Aufgabe, einen interdisziplinären Lebens-begriff zurückzugewinnen, der die Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften überwinden könne.

Playing God? Synthetische Biologie und Schöpfungsglaube

Mit Blick auf die Synthetische Biologie und die sog. converging technologies stellte Körtner fest, dass diese keine neuen bioethischen Probleme aufwürfen, sondern ihnen die für die Gentechnik entwickelten verantwortungsethischen Prinzipien gerecht würden. Dem christlichen Schöpfungsglauben entspräche grundsätzlich ein verantwortungsethischer Ansatz, wobei sowohl die Gentechnik als auch die Synthetische Biologie als Formen der Wahrnehmung des göttlichen Auftrags, die Erde zu bebauen und das Leben zu erhalten, auffassbar seien – dessen Gelingen oder Misslingen liege nicht an der Technik als solcher. Den gegenüber der Synthetischen Biologie in den Medien häufig geäußerten Vorwurf des „Playing God“ wies Körtner mit Hinweis auf die biblische Unterscheidung zwischen göttlichem Schöpfungshandeln und menschlicher Erfindungskraft zurück; die Handlungsmöglichkeiten des Menschen beschränkten sich auf fortgesetzte Schöpfung, eine Neuschöpfung und damit eine Konkurrenz zu Gott sei ihm prinzipiell verwehrt. 

III.    Humanstammzellenforschung und Forschungsklonen – ein Diskurs beginnt!

Molekulare und klinische Einblicke: neurodegenerative Erkrankungen und Stammzellen

Prof. Dr. med. Jürgen Winkler, Prof. Dr. Dieter Chichung Lie

Als Sprecher des Bayerischen Forschungsverbundes Induzierte Pluripotente Stammzellen (ForIPS) stellte der Neurologe und Psychiater Jürgen Winkler den in diesem Verbund verfolgten Ansatz translationaler individueller Medizin mittels induzierter pluripotenter Stammzellen (IPSZ) zur Entwicklung von Krankheitsmodellen und Therapiestrategien für monogene Formen des Parkinsonsyndroms vor: Durch Reprogrammierung werden den Parkinson-Patienten entnommene Hautzellen bildlich gesprochen auf eine Zeitreise mit Identitätswechsel geschickt, indem sie in einen Zustand induzierter Pluripotenz zurückversetzt werden. Darin ähneln sie embryonalen Stammzellen, die sich auf Grund ihres hohen Teilungsvermögens durch eine hohe Proliferationsrate, ein hohes Spezialisierungspotential, aber auch eine Tendenz zur Tumorbildung auszeichnen. Aus den IPSZ lassen sich wiederum patientenspezifische Nervenzellen generieren, die zunächst als Krankheitsmodell genaueren Aufschluss über die Pathogenese versprechen als Tiermodelle; in einem zweiten Schritt könnten sie zur Zelltherapie genutzt werden.

Stammzellforschung und Ethik

Winklers Kollege und Mitarbeiter in ForIPS, Dieter Chichung Lie, hielt ein kurzes Plädoyer für Tierexperimente: Die Erforschung der Mechanismen neurodegenerativer und neuropsychiatrischer Erkrankungen am Mausmodell weise einige Erfolge auf, habe jedoch auch ihre Grenzen, da Mäuse nicht den bei Menschen vorkommenden Parkinson entwickelten – hier böten IPSZ ein großes Potential. Die Dringlichkeit innovativer Forschungsansätze bei neurodegenerativen Erkrankungen stellte auch Winkler heraus, da 95% aller Therapieansätze für Erkrankungen des Zentralnervensystems scheiterten. In diesem Zusammenhang wies er auf ein Problem der Ethik hin: sie denke nur national, im Rahmen gesetzter westlicher Welt – neurodegenerative, durch Alter und Umwelteinflüsse bedingte Erkrankungen seien jedoch ein globales Problem. Die in gegenwärtigen ethischen Debatten verbreitete Diskussion um biologische Totipotenz bezeichnete er als „Wasserglasdiskussion“, da eine einzelne reprogrammierte Zelle mangels Trophoblast kein Plazentagewebe ausbilde und zudem ohne Implantation in einen Uterus ohnehin nie totipotent sein könne. Wichtige Aufgaben der Ethik seien hingegen die Klärung der Fragen nach Eigentums- und Nutzungsrechten an Zellen, die Erarbeitung eines adäquaten informed consent sowie die Generierung von Akzeptanz für die Arbeit der Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft.


Eingebettete ethische Begleitforschung – ein Werkstattbericht
PD Dr. theol. habil. Arne Manzeschke, Hannah Schickl M.A.

Als Leiter des ELSI-Teilprojektes in ForIPS, welches sich mit den ethischen, legalen und sozialen Implikationen der Humanstammzellenforschung für Individuen und Gesellschaft beschäftigt, reflektierte der evangelische Theologe Arne Manzeschke auf Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen eingebetteter ethischer Begleitforschung. Als kooperative Intervention innerhalb des biotechnologischen Forschungsprozesses selbst bedinge die ELSI-Forschung einerseits eine Re-vision und Re-mediatisierung der lebenswissenschaftlichen Forschungspraxis, andererseits erforderten die biowissenschaftlichen Praktiken ein neues Nachdenken und Konzeptualisieren in Ethik und Anthropologie. Ethische Begleitforschung müsse stets ihre eigene Rolle und Reichweite als integraler Bestandteil eines Forschungsverbundes kritisch reflektieren, sei jedoch unabdingbar, da sich die biotechnologischen Forschungsansätze als Instrumente erwiesen haben, welche die Bedingungen menschlicher Selbsterfahrung und menschlichen Zusammenlebens grundlegend ändern könnten. Ethik komme hier die konstitutive Rolle deskriptiver Beschreibung, Generierung und Reflexion neuer Wissensbestände sowie die Organisation normativer Aushandlungsprozesse zwischen Gesellschaft und Wissenschaft bzw. innerhalb dieser Systeme zu. 

Bioethik an der Schnittstelle zwischen Forschung, Therapie und Kommerzialisierung

Die Philosophin Hannah Schickl berichtete anschließend von ihrer Arbeit in dem ethischen Teilprojekt „Bioethik an der Schnittstelle zwischen Forschung, Therapie und Kommerzialisierung“ in ForIPS. Zu den Zielen dieses Teilprojektes gehörten die theoretische Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen der IPSZ-Technologie und klassischen ethischen Fragestellungen wie der nach dem moralischen Status des menschlichen Embryos. Die Möglichkeit einer transienten Totipotenz der ISPZ, der tetraploiden Embryokomplementierung sowie des somatischen Zellkerntransfers stellten die IPSZ-Technologie als vermeintlich ethisch unproblematische, legale Alternative zur embryonen-verbrauchenden Forschung infrage. Weitere Ziele dieses ethischen Teilprojektes seien zum einen die empirische Untersuchung des Einflusses ökonomischer Faktoren wie Kommerzialisierung und Biopatentierung im Bereich der IPSZ-Technologie und Biobanken auf die Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft, zum anderen die Entwicklung von Governance-Richtlinien für den Bereich der IPSZ-Technologie und Biobanken als ihren Verwendungskontexten.

Haben reprogrammierte Stammzellen einen moralischen Wert?

Dr. Julia Inthorn

Die Medizinethikerin Julia Inthorn warf die Frage auf, welche Bedeutung der Unterschied im Differenzierungsgrad u.v.a. in der Gewinnungsart von Stammzellen – aus Embryonen (ESZ) oder durch Reprogrammierung (IPSZ) – für deren moralischen Wert habe, wobei sie den moralischen Wert von einem moralischen Status und beide wiederum von dem Personstatus unterschied. Die SKIP-Argumente als Indikatoren für moralischen Status seien auf IPSZ nicht anwendbar, neuere Entwicklungen, die Fortpflanzungstechniken aus IPSZ wahrscheinlicher machten, würfen jedoch die Frage nach deren moralischem Wert auf. Mangels Bildern hätten wir allerdings keine intuitiven moralischen Urteile über IPSZ, worin sich die Schwierigkeit der Übersetzung von technischen Vorgängen in alltagsweltliche Vorstellungen zeige. Fraglich sei zudem, inwiefern und auf welcher Grundlage eine Güterabwägung zwischen Forschungszielen, Krankheitsvorstellungen und Familienbildern durchgeführt werden könnte.

Wieviel Biologie braucht die ethische Reflexion?

Die Hoffnung, mittels IPSZ dem ethischen Dilemma der Forschung an ESZ ganz zu entkommen, sei jedoch durch die weiterhin notwendige Grundlagenforschung an ESZ als „Goldstandard“, das Komplizenargument der Angewiesenheit der Forschung an IPSZ auf die an ESZ, sowie Sicherheitsbedenken bei IPSZ geschmälert. Grundsätzlich müsse die Rolle und der Stellenwert naturwissenschaftlicher Unterscheidungen und Wirklichkeitsdeutungen in der Ethik und damit deren Abhängigkeit von einer bestimmten Konstruktion des Wissens reflektiert werden. Während Ethik sich im europäischen Raum als Expertendiskurs gern in einer Komfortzone aufhalte, sei in den USA ein Betroffenheitsdiskurs vorherrschend, der den  Patienten dem Embryo gegenüberstelle. Die wesentliche Frage im Umgang mit ethischen Problemen sei jedoch, wie sich Menschen in deliberative Diskussionen einbeziehen ließen, ohne dass diese ihnen aufgezwungen würden. 

IV.    Bioethik – ein Metadiskurs


Humanstammzellenforen

Der zweite Tagungstag begann mit intensiven Diskussionen des Publikums und der Referenten in drei Gruppen, von denen eine sich unter Leitung des Neurologen und Psychiaters Jürgen Winkler mit naturwissenschaftlichen Fragen der Stammzellforschung beschäftigte, eine zweite unter Leitung der Ethiker Michael Coors und Arne Manzeschke mit Fragen zur Bioethik allgemein und eine dritte unter Leitung der Medizinethikerin Julia Inthorn und Pfarrer Frank Kittelberger mit Fragen zur Ethik und Anthropologie.

„God Committees“, „Wunder“ und ethische Beratung. Zur Entwicklung der Bioethik im öffentlichen Diskurs

Prof. Dr. med. Andreas Frewer, M.A.

Der Arzt und Medizinethiker Andreas Frewer gab einen historischen Überblick über zentrale Entwicklungsetappen der Medizin und der Bioethik im 20. Jahrhundert. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg schreckten moralische Grenzüberschreitungen wie der „Fall Neisser“ oder die Lübecker Impfkatastrophe die Öffentlichkeit auf und führten zu ethischen Debatten und Richtlinien wie den 1900 erlassenen Anweisungen bzw. den 1931 erlassenen Berliner und Lübecker Richtlinien für die Durchführung von Versuchen am Menschen. Als Anfang der Bioethik werde jedoch der 1946/47 im Zuge des Nürnberger Ärzteprozesses aufgestellte Nürnberger Kodex bezeichnet, in dem, angesichts des ungeheuren Ausmaßes an Euthanasie und Menschenversuchen durch Ärzte während des Zweiten Weltkrieges, 10 Punkte für zulässige Versuche aufgestellt wurden. Als Beginn der Bioethik als Experten- oder Gremienethik, durch die medizinethische Fragen in der Praxis entschieden werden sollten, werde das 1962 gegründete anonyme Gremium „Artificial Kidney Selection Committee“ zur Verteilung künstlicher Nieren  betrachtet.

Strukturen des bioethischen Diskurses

Am Beispiel des „Erlanger Babys“ und des „Erlanger Jungen“ zeigte Frewer auf, wie sich an Einzelfällen zentrale ethische Debatten in der Öffentlichkeit entzündeten; gleichzeitig habe im Laufe des ausgehenden 20. Jahrhunderts eine Institutionalisierung ethischer Debatten in Ethikkommissionen, klinischen Ethikkomitees, Ethikräten sowie Zeitschriften, Akademien und Professuren stattgefunden. Die Strukturen des gegenwärtigen bioethischen Diskurses charakterisierte Frewer durch die Tendenzen der Medikalisierung, Technisierung, Spezialisierung, Anonymisierung, Ökonomisierung, Verrechtlichung, Medialisierung und Institutionalisierung. Abschließend plädierte Frewer für eine kritische Beobachtung der Entwicklung von Freiheit und Verantwortung. Im Sinne einer Verantwortungsethik seien Folgenabschätzungen durchzuführen und Diskurse so offen wie möglich zu führen.

Forschungsrezeption und Deutungskategorien – der bioethische Diskurs und seine Bedingungen

Pastor Dr. theol. Michael Coors, Prof. Dr. med. Andreas Frewer M.A., Wolfgang Küpper; Moderation: PD Dr. theol. habil. Arne Manzeschke

Wolfgang Küpper, Leiter der Redaktion „Religion und Kirche“ beim Bayerischen Rundfunk, sprach als Impulsgeber für die anschließende Podiumsdiskussion über die Behandlung bioethischer Themen in Hör- und Rundfunk, die zum Ziel habe, Orientierung und Transparenz zu schaffen, der jedoch u.a. durch die Sendezeit enge Grenzen gesetzt seien. Zentrale Fragen in der anschließenden Podiumsdiskussion über die Rolle bioethischer Diskurse in der Öffentlichkeit waren u.a.: Wieviel Bioethik braucht eine Gesellschaft? Kann und soll sie permanent zum Nachdenken über bioethische Themen verpflichtet werden? Wie lassen sich Erkenntnisse kommunizieren, sodass sie wahrgenommen, aber nicht marktschreierisch verzerrt werden? Wie verhalten sich Einzelfalldiskussionen zum Anspruch an Universalisierbarkeit in der Ethik?

Ethik für das Gewohnheitstier Mensch

Thema der Podiumsdiskussion war auch der Umgang der Ethik mit der Gewöhnung an technischen Fortschritt. Sie habe die Aufgabe, unsere Gewohnheiten und unsere Gewöhnung an Neues kritisch zu hinterfragen und im Rahmen von Technikfolgenabschätzungen und selbstkritischer Reflexion auf die Gegenwart zu klären, was verantwortlich zur Gewohnheit werden sollte und was nicht. Gegenstand der abschließenden Diskussion mit dem Publikum war die Integration von Ethik in die schulische Bildung sowie Arbeitswelt und Politik – gerade in letzteren Bereichen mangele es an Diskussion und Praxis ethischen Denkens. Auf die Frage, wie sich eine größere Öffentlichkeit für bioethische Themen erreichen ließe, gab es im Publikum die Meinung, dass nicht zuletzt durch Veranstaltungen wie die hier vorgestellte Tagung ein Diskurs zustande komme, der von den Teilnehmern nach Art eines Schneeballsystems weitergetragen werde.

Fazit

Die Tiefe und Reichweite unserer technischen Eingriffsmöglichkeiten in die Natur, nicht zuletzt die des Menschen, nimmt im Zuge biotechnologischer Entwicklungen rasant zu. Wie kann es unserer Gesellschaft gelingen, diese oft hoch komplizierten Vorgänge nachzuvollziehen, ihre Folgen für Mensch und Umwelt, Welt- und Selbstverständnis, abzuschätzen und dem Sog der Machbarkeit immer wieder die Frage nach der Verantwortbarkeit des eigenen Tuns entgegenzusetzen?

Herausforderungen für die Bioethik

Durch die Veränderungen in den Lebenswissenschaften, die sich in den Trends der Biomolekularisierung, Digitalisierung und Miniaturisierung und einem neuartigen Streben nach Steuerung von Lebensprozessen auf subzellulärer Ebene zeigen, ist auch die Bioethik herausgefordert, sich methodisch weiterzuentwickeln und ihr eigenes Selbstverständnis zu hinterfragen. Dem wissenschaftlichen ethischen Diskurs muss es neben den und für die fachinternen Auseinandersetzungen zudem gelingen, den Anschluss an die biowissenschaftlichen und biotechnologischen Entwicklungen zu halten, lebensweltliche Probleme aufzunehmen und für den öffentlichen Diskurs verständlich zu bleiben. Nur so kann die Bioethik innerhalb der Gesellschaft immer wieder Diskussionen über die zentrale ethische Frage anstoßen: Wie sollen wir leben? Hierbei bleibt sie aber auch immer abhängig von der Bereitschaft der Gesellschaft, sich auf Beratungs- und Deliberationsprozesse einzulassen.

Anja Pichl und Arne Manzeschke