Tagungsbericht und Film: Energiewende im ländlichen Raum – Ein Bürgerprojekt auf dem Prüfstand

Vom 25. bis 26. Juni 2014 fand in der Evangelischen Akademie Tutzing eine Kooperationstagung des Instituts TTN und des Technologie- und Förderzentrums (TFZ) zum Thema „Energiewende im ländlichen Raum – Ein Bürgerprojekt auf dem Prüfstand“ statt. Ziel der Tagung war es, einen Dialog zwischen wissenschaftlicher Expertise, Politik und Bürgerschaft anzustoßen, um die oft komplizierte Gestaltung, Kommunikation und Konfliktbearbeitung von Energiewendefragen gemeinsam zu diskutieren. Eine ausführlicher Tagungsbericht, verfasst von Florian Braun, Universität Kiel, und Martin Knapp, ITAS, findet sich jetzt im Tatup-Journal, Heft 1, Februar 2015.

Die Energiewende ist ein umkämpftes Projekt. Gekämpft und gestritten wird weniger um grundsätzliche Ziele und Werte, als um die konkreten Wege zur Erreichung und Umsetzung der Ziele. Die Energiewende ist dabei mehr als nur die Umstellung der Energieerzeugung von fossilen zu erneuerbaren Energieträgern: sie fordert politische Steuerung, politische Teilhabe und auch den Einzelnen in seinem persönlichen Energiekonsum. Damit stellt die Energiewende Anforderungen an die ganze Gesellschaft.

Durch die Dezentralisierung der Energieversorgung entstehen neuartige Konfliktfelder: Erneuerbare Energien sind Landenergien, sie verändern und gestalten ländliche Räume. Sie fordern auch das Verhältnis von politischer Steuerung und Teilhabemöglichkeiten heraus. Fragen nach Effizienz und Versorgungssicherheit richten ihren Fokus auf technologische Aspekte. Die Energiewende ist damit sowohl ein Expertenprojekt als auch ein Bürgerprojekt. Dieses schwierige Verhältnis gilt es kommunikativ zu vermitteln. Bedroht die Energiewende unsere vertrauten Vorstellungen von Natur und Heimat? Was bedeutet sie für die Zukunft der Landwirtschaft? Steht sie für eine nachhaltige Agrarpolitik? Und was ist aus dem „Bürgerprojekt: Energiewende“ zu lernen? Dies sind einige der Fragen die auf der Tagung angestoßen und diskutiert wurden.

Stephan Schleissing – Herausforderungen der Energiewende

Zu Beginn der Tagung markierten die Veranstalter einige Problempunkte in der Diskussion um die Energiewende, die den Anlass für die Veranstaltung abgaben.
Der Geschäftsführer des Instituts Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der LMU München, Dr. Stephan Schleissing, nahm zunächst Bezug auf das Zitat im Einladungsflyer zur Tagung, mit dem die Ethikkommission „Sichere Energieversorgung“ im Mai 2011 ihren Abschlussbericht vorstellte: „Der Prozess der Energiewende fordert die gesamte Gesellschaft.“ Damit sei hinlänglich zum Ausdruck gebracht, dass diese nicht nur ein technologisches, nicht nur ein wirtschaftliches, wissenschaftliches oder staatliches Projekt ist. Die Energiewende ist auch ein Gesellschaftsprojekt, also ein Vorhaben, das gerade auch die Bürger fordert und deshalb miteinbeziehen muss. Insofern kann man mit Schleissing die Formel auch so übersetzen: „Weil die Energiewende die gesamte Gesellschaft betrifft, betrifft sie zugleich jeden Einzelnen von uns.“

Damit würden aber auch die Probleme verständlich, die sich als Verteilungskonflikte um das unterschiedliche Verhältnis von Nutzen und Zumutungen der Energiewende darstellen. „Die gesamte Gesellschaft“ sei ein sehr großer Begriff. Als Projekt realisieren lässt sich das Ganze nur arbeitsteilig. Das heißt: Es kommt auf die Verfahren an. Aber solche Verfahren – Prozesse, Strukturen – seien selber nicht einfach neutral, sondern das Salz in der Suppe demokratischer Gesellschaften.

Bernhard Widmann – Die Energiewende ist mehr als eine „Stromwende“

Dr. Bernhard Widmann (TFZ) plädierte in seinem Statement dafür, die Energiewende nicht nur als eine „Stromwende“ zum Thema zu machen, vielmehr müssen ebenso Wärme und Mobilität verstärkt in den Blick der öffentlichen Debatte rücken. Nimmt man im Besonderen die ambitionierten Ziele hinsichtlich der Senkung der Treibhausgasemissionen in den Blick, wird deutlich, dass es noch großer Anstrengungen bedarf. Die Ziele rund um den Umbau unserer Energieproduktion und -versorgung sind nur dann zu erreichen, wenn die so genannten „3-E“ realisiert werden: Einsparung des Energieverbrauchs, Effizienzsteigerung der Energietechnologien sowie Ausbau der Erneuerbaren Energieformen. Hinsichtlich der Endenergie aus erneuerbaren Energieträgern stammten im Jahr 2013 in Deutschland dabei über 60% aus Biomasse.
 
Die Energiewende bzw. ihre Zielsetzungen, die teilweise auch bereits vor dieser Begriffsprägung von vielen Akteuren verfolgt wurden, bezeichnete Bernhard Widmann als eine „energetische Revolution“ des gegenwärtigen Jahrhunderts. Wie in dieser Situation eine angemessene „wertorientierte Kommunikation“ der Probleme vor allem im ländlichen Raum möglich sei, ist das Thema eines Forschungs- und Beratungsprojekts, das das Institut TTN zusammen mit dem Technologie- und Förderzentrum Straubing (TFZ) gegenwärtig durchführt. Es findet mit Unterstützung der Bayerischen Staatsministerien für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie statt. 

Fabian Karsch: Ethische Perspektiven auf die Energiewende

Welche Rolle spielt Ethik in Energiewende-Diskursen? Zwischen den Polen einer pragmatischen Effizienz und einer ideologisch aufgeladenen Moralisierung verberge sich ein komplexes ökonomisches, technologisches, kulturelles, politisches und soziales Projekt, das nicht nur einem Weg folge, sondern vielen, so Dr. Fabian Karsch vom Institut TTN an der LMU München, der zu Beginn der Tagung ein Plädoyer auf die Anerkennung von Ambivalenzen und die Bedeutsamkeit sozialer Konflikte hielt. Öffentliche Diskurse zur Energiewende zeigten, dass Befürwortern und Kritikern vor allem eins gemeinsam sei: Dass sie ihre eigenen Positionen auf übergeordnete Werte beziehen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit sei dabei zu einem Super-Prinzip erhoben worden, dem man sich heute kaum noch entziehen könne. Es sei ein normatives Leitbild, dass Fragen gesellschaftlicher Entwicklung stets auf ihre peripheren Konsequenzen prüfe.

Zwischen Partikularinteressen und Gemeinwohl

Aus dem Paradigma der Nachhaltigkeit lassen sich mindestens vier Forderungen an die Energiewende ableiten: Wirtschaftlichkeit, Sozialverträglichkeit, Umweltverträglichkeit und Kulturverträglichkeit. Letztere nehme insbesondere in aktuellen regionalen Konflikten einen besonderen Stellenwert ein. Ethik, so Karsch, sollte in der Gemengelage des Sozialen nicht versuchen, darüber zu urteilen, was richtig und was falsch ist, was gut und was schlecht ist. Anstatt selber zu moralisieren, sollte die Ethik ihre Rolle als Warnerin darauf fokussieren, vor voreiligen Schlüssen und ausgrenzenden Moralisierungen zu warnen. Die Energiewende sei ein gesellschaftliches Großprojekt von weitreichender sozialtransformatorischer Kraft, in dem es die Hauptaufgabe der Ethik sei, zwischen den kurzfristigen Konsequenzen und Partikularinteressen sowie den langfristigen Zielen und der Gemeinwohlverantwortung zu vermitteln.

Andreas Möller – „Verlust der Heimat“ durch die Energiewende?

Dr. Andreas Möller, Historiker und Autor des Buches „Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“, bezeichnete Bayern als „Paradebundesland der Energiewende“: Zustimmung und Ablehnung existieren gleichzeitig. Bayern ist zum einen die „Photovoltaik-Anlagen intensivste Region“ der Welt. Zum Anderen ist der Protest gegen den Bau der Stromtrassen hier heftiger als anderswo. Grundsätzlich macht die Energiewende das Thema „Energie“ für die Menschen (wieder) unmittelbar erfahrbar. Dabei zeigt sich eine „neue Unübersichtlichkeit“ der Positionen: Die Energiewende als gesellschaftlicher Transformationsprozess erreicht „kernkonservative“ Schichten. Slogans wie „Konsumverzicht“, „Wohlstand ohne Wachstum“ oder „Befreiung vom Überfluss“, die in der Tradition eher im linken Spektrum zu verorten waren, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Energiewende – der Traum von Autarkie?

„Heimat“ und „Dezentralität“ sind Schlüsselbegriffe in der Debatte geworden. Gerade der Begriff der „Heimat“ spielt gegenwärtig eine so bedeutsame Rolle wie kaum je zuvor in den vergangenen Jahrhunderten. Das „Überschaubare“ und „Heimatliche“ sind dabei nicht zufällig von überragender Bedeutung in gegenwärtigen Diskursen: Sie sollen in einer globalen, dynamischen, unüberschaubaren Welt Stabilität und einen Rückzugsort liefern. Die Energiewende stößt unmittelbar in das vor, was Menschen unter Heimat verstehen. Dass sie das gewöhnte und oftmals liebgewonnene Landschaftsbild verändert, ist weniger ein Problem als die Rasanz, mit der sie dies tut.
Es scheint, als würde das Großprojekt „Energiewende“ dabei unmittelbar an eine alte Sehnsucht andocken: an den Traum, unabhängig und autark leben und wirtschaften zu können. Gerade das Argument, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien Deutschland unabhängiger von Importen mache, sieht Möller kritisch. Denkt man an die Menge von Rohstoffen wie Stahl oder Kupfer, die der Umbau unserer Energieversorgung benötigt, werden neue Abhängigkeiten bzw. Handelsverflechtungen erkennbar.  

Sören Schöbel-Rutschmann – Energiewende und Landschaftsästhetik

Prof. Dr. Sören Schöbel-Rutschmann, Leiter des Fachgebiets für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume an der TU München, referierte über Möglichkeiten, die viel diskutierten Windparks in bestehende Landschaftsbilder zu integrieren. Grundsätzlich bedeutet die Energiewende eine Rückkehr der Energieproduktion in die Landschaften. Anlagen wie Windfarmen, Biogas oder Photovoltaik fügen landschaftsästhetisch nicht nur ein deutlich sichtbares neues Element hinzu, sie betreffen auch – im Unterschied zur fossilen Energiegewinnung – alle Regionen und Landschaften. Durch die Energiewende ist die Debatte über Landschaftsästhetik damit plötzlich keine Expertendiskussion mehr, sondern erreicht die breite Öffentlichkeit.

Windanlagen – erst gefürchtet, dann toleriert

Windräder sind stark landschaftsprägend. Mit Blick auf den Bau von Windanlagen herrscht grundsätzlich deutschlandweit eine große Zustimmung vor. Der oft diskutierte NIMBY-Effekt („Not in my backyard“, also dass jemand die großen Ziele der Energiewende zwar bejaht, aber keine Veränderung rund um seinen Lebensort wünscht) spielt laut Schöbel-Rutschman dabei eine geringere Rolle als oft angenommen. Was eine Rolle spielt, sind hingegen Ungerechtigkeitsempfindungen, wenn beispielsweise Bürger nicht an der Planung partizipieren können. Als ein Fazit seiner Studien nannte Schöbel-Rutschman: Windenergieanlagen werden als Technologie begrüßt, als technische Objekte akzeptiert, als räumliche Nachbarn erst gefürchtet, dann toleriert, in der Landschaft jedoch nur in Kauf genommen und nicht als sinnstiftend erfahren. Kritisch sieht Schöbel-Rutschman nicht zuletzt die Strategie, ästhetisch als besonders wertvoll empfundene Landschaftsstriche derart rigoros zu schützen, dass andernorts regelrechte „Energielandschaften“ entstehen. Laut Raumordnungsgesetz sollen im Gesamtraum der Bundesrepublik hin-gegen „ausgeglichene Verhältnisse“ geschaffen werden.

Im Dialog mit dem Bürger und der Geschichte einer Landschaft

Wenn gegenwärtig eine Landschaft als „schön“ beschrieben und empfunden wird, ist damit we-niger eine erhabene oder malerische, idyllische Natur gemeint als vielmehr ein gelungenes Ver-hältnis von Kultur und Natur. Dieses Verhältnis soll – so Schöbel-Rutschmann – harmonisch und für die Gemeinschaft vorteilhaft sein, es soll permanente Strukturen erhalten und schaffen, weitere Möglichkeiten eröffnen, nicht eigenschaftslos, sondern eigenartig sein und dadurch Identität schaffen. Für den Bau von Windparks bedeutet dies: Sie müssen landschaftlich eingefügt werden und beispielsweise der Landschaft und ihren identitätsstiftenden Charakteristika folgen. Damit soll die Anlage auch ästhetisch zum Ausdruck bringen, dass es sich bei ihr um ein Gemein-schaftsprojekt handelt. Die Planung muss daher dialogisch angelegt sein – im Dialog mit der Bevölkerung und mit der Geschichte einer Landschaft.

Franz Josef Pschierer – Die Energiewende im ländlichen Raum politisch gestalten

Franz Josef Pschierer, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie, beendete den ersten Tag mit einem Vortrag über Möglichkeiten, Grenzen und Perspektiven der politischen Gestaltung der Energiewende – insbesondere in ländlichen Räumen. Pschierer betonte, dass Energiewende weit mehr bedeute als nur die Abschaltung von Kernkraftwerken. Es sei nicht zuletzt auch eine „Wende in den Köpfen“ nötig: Übertriebener unreflektierter Energieverbrauch müsse der Vergangenheit angehören. Für die Politik ginge es in erster Linie um die Realisierung von drei Zielen: Umweltverträglichkeit, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit. Als besonders prägnant beschrieb Pschierer die dabei auftretenden Zielkonflikte zwischen „Werten und Rendite“. Konkret ginge es nun darum, die Machbarkeit vor Ort dialogorientiert zu gestalten, an effizienten Speichertechnologien zu forschen und schließlich Beratung, Standort-Scouting und Umweltschutz zu verbinden, um die Energiewende in ländlichen Räumen zu gestalten.

Beate Formowitz und Carolin Riepl – Landwirtschaft im Fokus der Energiewende

Dr. Beate Formowitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am TFZ, beschrieb den Wandel in der Landwirtschaft und die damit verbundene Stellung in der Gesellschaft in den vergangenen 100 Jahren. Waren es in früheren Zeiten noch die Muskelkraft von Mensch und Tier, die dem Boden Nahrungsmittel entlockte, wird dies heutzutage vielerorts von schlagkräftigen Maschinen erle-digt, die ein umweltschonendes und effizientes Arbeiten ermöglichen. Bei zurückgehenden Beschäftigungszahlen in der Landwirtschaft, vergrößern sich die einzelnen Betriebe. Durch den technischen und züchterischen Fortschritt ernährt ein Landwirt heutzutage anstelle von 10 Men-schen (wie 1949) etwa 129 Menschen. Als Produzent hochwertiger Lebensmittel genießt der Beruf des Landwirts seit jeher einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, auch wenn gewisse Diskrepanzen zwischen hohen Produktansprüchen und einer eher geringen Zahlungsbereitschaft seitens der Verbraucher vorliegen. 

Positives Bild der Energiewende in der Landwirtschaft

Der Frage, ob die Energiewende Auswirkungen auf die Strukturen und das Berufsverständnis der bayerischen Landwirtschaft hat, ging Frau Carolin Riepl, Mitarbeiterin am Landratsamt Straubing-Bogen, im zweiten Teil des Vortrags nach. So sehen sich die Landwirte selbst nicht nur als Produzenten von Nahrungsmitteln, sondern auch als „Produzenten“ von Heimat und Identität, indem die angebauten Kulturen jedem Landstrich ihr Gesicht geben. Unternehmerisches Denken ist für Landwirte daher ebenso gefragt, wie umweltbewusstes Handeln. Insgesamt war bei den interviewten Landwirten, die im Rahmen des aktuellen TTN/TFZ-Projekts „Die Energiewende im ländlichen Raum wertorientiert kommunizieren“ befragt wurden, ein positives Stimmungsbild auch gegenüber erneuerbaren Energien zu verzeichnen. Es überraschte allerdings, dass das Thema Klimaschutz im Zusammenhang mit der Energiewende kaum Erwähnung fand. Ökonomische Anreize stehen hier eindeutig im Vordergrund. Generell wird die Energiewende, so Riepl, von den Landwirten eher als Projekt „von oben“ gesehen, wobei ihnen die Energiewende als „ständiges Wechselbad“ erscheint und nicht als ein einheitliches Konzept.

Nina Hehn – Regionale Wertschöpfung

Die Juristin Nina Hehn von der „KlimaKom“ Kommunalberatung, hat sich unter dem Stichwort der Wertschöpfung mit den Potentialen und Chancen Erneuerbarer Energien im peripheren ländlichen Räumen auseinandergesetzt. Im Rahmen einer Konzeptstudie untersuchten die Universität Bayreuth und das Institut KlimaKom Möglichkeiten der Erhöhung der Wertschöpfung in einer Region und die damit verbundenen Effekte der Akzeptanzsteigerung. Dazu wurde in der Studie u.a. danach gefragt, wie Arbeitsplätze in der Region dauerhaft entstehen können und wie Abwanderungs- und Schrumpfungsprozesse in ländlichen Regionen gebremst werden können. Gelingt ein „Aufschwung durch Energiewende“?
Große Bedeutung hätten dabei, so Hehn, vor allem Einsparpotentiale, also die Reduktion des Energiebedarfs und die Effizienzsteigerung. Aber auch direkte und indirekte Möglichkeiten der regionalen Wertschöpfung seien häufig unterschätzt und können, eine entsprechende Allokati-onsstrategie vorausgesetzt, regionale Strukturentwicklung fördern. Konflikte könnten durch Beteiligung und Partizipationsoptionen, die Bürger bereits in der Planungsphase einbeziehen, häufig vermieden werden. Nicht zuletzt kann die Beteiligung an der Wertschöpfung zur Akzeptanz von Bauvorhaben beitragen.

Die Energiewende als Bürgerprojekt? – Schlaglichter aus der Podiumsdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion berichtete Marius Strecker, Issue Manager Stakeholder Integration bei TenneT, über die Erfahrungen der Bürgerbeteiligung beim Ausbau der Stromtrassen in Deutschland. Das Projekt „Energiewende“ wird für viele Menschen erst konkret, wenn beispielsweise TenneT vor Ort erscheint, um einen möglichen Stromtrassenbau zu diskutieren. Derartige Großprojekte sind nicht mehr, wie noch in früheren Jahrzehnten, an den Menschen „vorbei“ planbar, vielmehr müssen die Bürger frühestmöglich in den gesamten Prozess mitein-gebunden werden.

Das Problem sei jedoch, dass die Bürger die Offenheit der Netzbetreiber für Mitsprache – gerade in einem frühen Stadium der Planung – nicht immer als solche anerkennen würden. Strecker sprach von einem „Beteiligungsparadoxon“: Je später die Partizipation erfolgt, desto geringer sind die Möglichkeiten, aktiv die Planung und die Umsetzung mitzugestalten. Im Dialog mit den Bürgern kann ein Unternehmen wie TenneT jedoch Anregungen gewinnen, um die Planungen besser zu machen.
 
Dr. Wolfgang Schürger, Beauftragter für Umwelt- und Klimaverantwortung der Ev. Luth. Kirche in Bayern, argumentierte, dass die dezentrale Energieversorgung alleine für Bayern nicht ausreichen wird. Der Bau von Stromtrassen ist daher notwendig, allerdings stellt sich die Frage: Wie viel Netzausbau braucht es wirklich? Auch Schürger betonte, dass die Bürger frühestmöglich die Option der Partizipation erhalten müssen. Die Kirche kann und sollte dabei ein Raum sein, der Diskussionen ermöglicht und auch in heftigen Kontroversen zu vermitteln versucht.

Die Energiewende findet im ländlichen Raum statt – oder gar nicht

Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND Naturschutz in Bayern, betonte, dass der BUND sich seit Jahrzehnten für die Energiewende und die dezentrale Energieproduktion einsetzt. Die Energiewende wird in der Landschaft sichtbar sein, die Frage allerdings ist: Wie wer-den diese Veränderungen konkret aussehen und in welchen Diskussions- und Entscheidungspro-zessen wurden sie beschlossen? Oftmals sind die Planungen für den Bürger intransparent. In der Debatte um den Netzausbau vermisst Weiger im Besonderen die Suche nach Alternativen. Grundsätzlich ist die Energiewende bereits eine „Bürger-Energiewende“: Zahllose Bürger betei-ligen sich in verschiedenen Formen an erneuerbaren Energietechnologien und dies ist eine Entwicklung, auf die die Politik stolz sein sollte. Wir erleben dabei die aus Sicht Weigers großartige Entwicklung einer Renaissance der (Energie)Genossenschaften.

Ministerialdirigent Maximilian Geierhos wies auf die Bedeutung des ländlichen Raums hin: Die Energiewende wird entweder im ländlichen Raum stattfinden – oder sie wird gar nicht stattfinden. Erneuerbare Energien sind hauptsächlich „Land-Energien“. Die Landwirtschaft hat das grundsätzliche Problem, das sie zwei Güter produziert, von denen jeder sich wünscht, dass sie möglichst billig sein müssen: Nahrung und Energie. Der Fokus der gesamten Debatte rund um die Energiewende liegt gegenwärtig stark auf Strom – es geht jedoch ebenso um Mobilität und Wärme. Und auch hier wird der ländliche Raum eine entscheidende Rolle spielen. Die Strategie des Umbaus der Energieproduktion konsequent zu verfolgen bedeutet dabei für die Politik, auch mal unpopuläre Maßnahmen vor Ort umsetzen zu müssen.

Fazit: Herausforderung wertorientierte Kommunikation

Ob wirtschaftliche Effizienz, technische Machbarkeit oder soziale Gerechtigkeit: Die Energie-wende ist ein Vorhaben, das auf ein Zusammendenken vieler gesellschaftlicher Teilbereiche angewiesen ist. Daraus folgen auch Steuerungsprobleme und Konflikte. Nicht alle Ziele der Energiewende sind Deckungsgleich, nicht alle Wege sind unumstritten. Vor allem wenn es darum geht, sich über die unmittelbaren Konsequenzen, also etwa steigende Energiekosten oder Konsequenzen des Ausbaus der technischen Infrastruktur zu verständigen, bahnen sich Hürden in der Kommunikation an.

Es wird in Zukunft verstärkt darum gehen müssen, den langfristigen Nutzen der Energiewende entsprechend zu vermitteln, auch und gerade dort, wo die Energiewende unmittelbare Einschränkungen der Lebensqualität mit sich bringen kann. Die kulturelle Gestaltung (nicht nur) bayerischer Energielandschaften, würde davon profitieren, Aspekte wie Autonomie, Wertschöpfungseffekte, Umwelt- und Klimaschutz noch deutlicher als bisher zum Thema zu machen.


Autoren: Christian Dürnberger, Fabian Karsch, Stephan Schleissing


Hintergrund

- Das Institut TTN kooperiert gegenwärtig mit dem TFZ im Rahmen des gemeinsamen Projekts "Die Energiewende im ländlichen Raum wertorientiert kommunizieren."
AnhangGröße
TFZ-Folien Statement Dr. Widmann.pdf134.37 KB
Folien Vortrag Prof. Schöbel-Rutschmann EAT 25.7.2014.pdf4.94 MB
Formowitz_ Riepl Energiewende im ländlichen Raum EAT 26_6_2014.pdf1.89 MB
Braun_Knapp Tagungsbericht in tatup151 Februar 2015621.63 KB